Teil 1 eines Interviews mit Dr. Richard Rohrmoser zum Film „Antifa – Schulter an Schulter, wo der Staat versagte“, Roxy-Kino Neustadt, Mittwoch, 4.6.2025, 19 Uhr
Am 4.6.2025, 19 Uhr wird im Roxy-Kino in Neustadt der Film „Antifa – Schulter an Schulter, wo der Staat versagte“ gezeigt. Die Vorführung findet statt im Rahmen des „Solidarischen Frühlings – Neustadt ‘25“. In dem aktuellen Dokumentarfilm sprechen fünf Antifa-Aktivist:innen über ihre Aktivitäten während der sogenannten Baseballschlägerjahre in den 1990er-Jahren.

Der Journalist Christian Bangel prägte 2019 den Begriff „Baseballschlägerjahre“ für die grassierende rechte und rassistische Gewalt vorwiegend, aber nicht nur in Ostdeutschland der 1990er Jahre. Eines der markantesten Beispiele für diese massive rassistische Gewalt waren die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im August 1992 gegen Asylbewerber und ehemalige, vietnamesische Vertragsarbeiter im sogenannten Sonnenblumenhaus, oder es sei hier in der Region an die rassistischen Ausschreitungen in Mannheim-Schönau im gleichen Jahr erinnert.
Gruppen der Antifa zeigten Solidarität mit den angegriffenen ausländischen Mitbürgerinnen und versuchten, auch mit militanten Mitteln, der Straßendominanz der rechten Gruppen entgegenzutreten. Sie beklagten, dass Polizei und Rechtsstaat mal wieder „auf dem rechten Auge blind“ waren.

Der Mannheimer Historiker Dr. Richard Rohrmoser hat sich in seinem Buch „Antifa – Porträt einer linksradikalen Bewegung von den 1920er Jahren bis heute“ mit der Geschichte der Antifa befasst. Richard Rohrmoser wird am 4.6. im Roxy-Kino in die Zeit, die der Film behandelt, einführen und bei der anschließenden Diskussion Rede und Antwort stehen. Moderation Rainer Steen.
Das gut einstündige Interview fand am 9.4.2025 in Mannheim statt und wird auf dem Hambach-Blog in redigierter und gekürzter Form in zwei Teilen veröffentlicht. Für den Hambach-Blog haben Rainer Steen und Ulrich Riehm die Fragen gestellt. Im ersten Teil des Interviews geht es um die Einordnung der Baseball-Schlägerjahre und die Intentionen des Films. Im zweiten Teil diskutieren wir mit Rohrmoser aktuelle Tendenzen des Rechtsextremismus und antifaschistischer Strategien. Die Gewalt- und die Systemfrage erscheinen dabei zentral.
Richard Rohrmoser arbeitet aktuell an einem mehrjährigen Forschungsvorhaben zur Geschichte des Rechtsextremismus in der Rhein-Neckar-Region seit 1945.
Hambach-Blog: Herr Rohrmoser, wie sind Sie auf das Thema „Antifa“ gekommen?
Richard Rohrmoser: Ich wurde als Jugendlicher von einigen Ereignissen der Jahrtausendwende politisiert. Dazu zählt sicher „9/11“, der Anschlag auf das World Trade Center in New York 2001 oder das NPD-Verbotsverfahren, das 2001 begann und 2003 scheiterte. Ich hatte große Sympathie für die Antifa-Bewegung und Respekt vor denjenigen, die in meinem Alter schon auf Demonstrationen unterwegs waren. Ich hatte aber auch bald Momente, wo ich diesen Militanz-Charakter befremdlich fand und war daher nie in einer autonomen Antifa-Gruppe aktiv.
Vor fünf, sechs Jahren wurde ich von einem Münchner Jugendzentrum gefragt, ob ich nicht mal, weil ich ja Historiker bin, einen Vortrag über die Geschichte der Antifa-Bewegung halten könnte. Bei der Vorbereitung ist mir aufgefallen, dass es da einerseits schon ein paar Publikationen aus dem Spektrum der Aktivist*innen gibt. Aber die sind halt nicht so wissenschaftlich. Und mich hat auch gestört, dass man da von „Bullenschweinen“ liest. Und es gab andererseits die eine oder andere Publikation, die dezidiert aus der Sicht des Verfassungsschutzes geschrieben ist. Eine fachwissenschaftliche, seriöse Einordnung des Themas gab es nicht. Ich hatte damals im Beck-Verlag ein Volontariat gemacht und wurde gefragt, ob ich nicht selbst ein solches Buch schreiben wolle.
HB: Wo hat denn ihre Politisierung stattgefunden? In München?
RR: Südlich von München. Da gab es halt anlassbezogen auch mal eine Gründung einer Antifa-Gruppe, die sich gegen Proteste gegen den Bau einer Geflüchteten-Unterkunft gerichtet hatte. Die hat sich bald wieder aufgelöst, weil die Jugendlichen irgendwann zum Studieren weggegangen sind. Das scheint mir so ein Phänomen dieser Bewegung, dass sich neue Gruppen anlassbezogen gründen.
Anlassbezogene Aktivierung der Antifa
HB: War das eher eine Oberschüler-Szene?
RR: Ja.
HB: Ist es so, dass die Sozialstruktur von Antifa-Gruppen divers ist – oder ist das eher so die bildungsbürgerliche „Intellektuellenszene“?
RR: In den Großstädten sind oftmals auch Auszubildende aktiv, aber bei uns waren das eher GymnasiastInnen.
HB: Von welcher politisch-gesellschaftlichen Situation berichten die etwas älter gewordenen Antifa-AktivistInnen im Film?
RR: Ich würde sagen, der Untertitel des Filmes: „Schulter an Schulter, wo der Staat versagte“, der ist da schon recht aussagekräftig. Die Genese der Antifa-Bewegung ist verbunden mit staatlichem Versagen. Es gab erhebliche staatliche Defizite bei der Bekämpfung von Rechtsextremismus und Rassismus, im Grunde schon seit der Gründung der Bundesrepublik, aber verstärkt dann nochmal in den 1970er-Jahren, mit dem Aufkommen der Wehrsportgruppe Hoffmann etwa, dann in den 1980er-Jahren mit dem Oktoberfest-Attentat, den ersten dokumentierten rechtsextremen Morden.

Nach meinem Eindruck gab es dann Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre, einen Bruch in der linken Szene. Teile der linken Szene und der Antifa vertrauten bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus und Rassismus überhaupt nicht mehr auf das staatliche Handeln.
Natürlich gab es auch vorher Demonstrationen, Sternmärsche linker Gruppen, aber dass man Gegenaktivitäten, die Bekämpfung nazistischer Strukturen in die eigene Hand nimmt, das war glaube ich schon so ein neues Phänomen in den 1980er-Jahren.
Todesfälle in Frankfurt am Main und Göttingen
Dazu kamen Ereignisse, die diese Tendenz verstärkt hatten. Eines dieser ziemlich einschneidenden Ereignisse war 1985 in Frankfurt am Main. Da wurde der Antifaschist Günther Sare – 36 Jahre war der damals alt – bei einer Demonstration gegen die NPD von einem Wasserwerfer überrollt und starb. Ein ähnliches Ereignis gab es dann 1989 in Göttingen. Da ist die Antifaschistin Conny Wessmann bei einer Auseinandersetzung mit der Polizei auf die Straße gerannt, wurde von einem Auto erfasst und ist daran gestorben. Das hatte die Fronten weiter verhärtet.

Anfang der 1990er-Jahre, also nach der Wiedervereinigung, kam es zu einem Erstarken von Rechtsextremismus und Rassismus. Beispiele hierfür sind die gewalttätigen, pogromartigen Ausschreitungen in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen, aber auch hier in Mannheim-Schönau, was oft vergessen wird.
Also das Neue war, um es noch mal auf den Punkt zu bringen, dass seit Anfang der 1980er- Jahre in der autonomen Szene die Auffassung vorherrschend wurde: Wir müssen eben selbst was unternehmen, weil der Staat versagt. Ein Fanal für die Entwicklung der autonomen Antifa war der NPD-Parteitag in Fallingbostel in Niedersachsen 1983. Da hatte man erstmals einen NPD-Parteitag eklatant stören können. Das wurde in der Szene als großer Erfolg bewertet, obwohl der Parteitag nicht verhindert werden konnte.
HB: Aber ist es nicht eh so, dass die „linken Szene“ generell wenig auf den Staat vertraut, weil sie „den Staat“ tendenziell eher bekämpft? Für einen Linken ist es doch nicht überraschend, dass er sich nicht auf den Staat verlassen kann.
RR: Das ist tatsächlich so.
HB: Zurück zum Film. Welche Zeitspanne beleuchten die Leute im Film, die ihre Antifa-Geschichte erzählen. Sind es die 1980er-Jahre oder die 1990er-Jahre.
RR: Die neunziger Jahre.
HB: Also nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Sind denn die sogenannten Baseballschläger-Jahre vor allem ein Ost-Phänomen und was haben diese mit der DDR zu tun?
Nazi-Gewalt nicht nur im Osten Deutschlands
RR: Da muss man vorsichtig sein. Meines Erachtens gab es dieses Phänomen im Westen genauso. Aus meiner eigenen Erfahrung gab es an unserer Schule, also im Speckgürtel von München, auch so eine Handvoll typischer Baseballschläger-Nazis. Die hat man auf hundert Meter weit erkannt, weil die so stereotypisch gekleidet waren mit Springerstiefeln, Bomberjacken, Glatze.
Wir hatten auch in Mannheim-Schönau 1992 rassistische Ausschreitungen. Natürlich nicht in der Dimension wie in Rostock-Lichtenhagen, aber wenn auf der Schönau die Polizei, im Gegensatz zu Rostock-Lichtenhagen, nicht so resolut eingegriffen hätte, hätte es auch schlimmere Ausmaße annehmen können. (Originalbeiträge von Radio Dreyeckland)
Ich war vor drei Jahren auf einer Konferenz „30 Jahre Rostock-Lichtenhagen“, auf der viele Zeitzeugen berichteten. Und das hat mich wirklich nochmal sehr schockiert, als die ihre Gewalterfahrungen beschrieben haben: In jedem Freundeskreis der Berichtenden gab es eine oder mehrere Personen, die in den 1990er-Jahren krankenhausreif geschlagen wurden. Man musste da gar nicht normabweichend gekleidet sein, sondern es reichte, wenn man nicht mitgemacht hat, zur falschen Zeit am falschen Ort war.
HB: Was ist denn die Botschaft des Films aus Ihrer Sicht?
RR: Ich finde, die deckt sich schon ein bisschen mit meinem Buch. Die Antifa-Bewegung hat gewisse Vorleistungen in den 1990er-Jahren erbracht, hat für das Thema Rechtsextremismus sensibilisiert. Das ging so weit, dass Gerhard Schröder als Bundeskanzler nach zwei rechtsextremen Übergriffen in Düsseldorf im Jahr 2000 den sogenannten „Aufstand der Anständigen“ ausgerufen hat: „Wegschauen ist nicht mehr erlaubt“ hieß es damals und somit ist antifaschistisches Handeln in gewisser Weise zur Staatsraison erklärt worden.
Diese Vorleistung ging meines Erachtens von der Antifa-Bewegung aus. Sie hatte viel früher die rechtsextremistischen Umtriebe im Blick und detailliert und akribisch dokumentiert. Es wurden auch Nazis enttarnt. Es gibt teilweise sogar im Verfassungsschutzbericht ein Lob der Antifa für ihre Recherchearbeit. 2016 wurde ein Verfassungsschutzbericht veröffentlicht, in dem darauf hingewiesen wurde, dass diese Praxis der Enttarnung Schlimmeres verhindert habe. Gleichzeitig war und ist die Antifa selbst Gegenstand der staatlichen Überwachung.
Beeindruckende Recherchearbeit
HB: Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Aktion und Recherche als „Auftrag“ der Antifa?
RR: Ich würde sagen, beides gehört zusammen – das kommt in dem Film auch an einer Stelle ganz gut raus. Da wird eine Aktivistin interviewt, die von sich sagt, ihr Naturell sei jetzt nicht so darauf ausgerichtet, auf die Straße zu gehen und die Konfrontation zu suchen. Dafür hat sie wertvolle Arbeit in einem Berliner Archiv der Antifa-Bewegung gemacht.
Also das ist wirklich beeindruckend. Ich merke das bei meinen eigenen Recherchen. Die antifaschistischen Gruppen sind einfach viel öfter viel, viel besser informiert als das, was ich über staatliche Quellen in Erfahrung bringen kann.
HB: Wie muss man sich diese Recherchen vorstellen?
RR: Viel penible Kleinarbeit. Sie haben z.B. geschaut, wo die Rechtsextremisten und Rassisten wohnen, wo sie sich treffen, wo Nazi-Aufkleber platziert wurden. Ein Vorgehen in den 1980er-Jahren war, dass man einen Nachsendeantrag bei der Post stellte, und dass die Post an Rechtsextremisten erstmal an einen „Antifa-Briefkasten“ geliefert wurde. Dann haben die Antifaschist*Innen diese Post gelesen – das war natürlich gesetzeswidrig, Verletzung des Briefgeheimnisses – und danach wurde die Post bei den Rechtsextremisten zugestellt. Gerade hier in der Rhein-Neckar-Region, Mannheim, Heidelberg, gab es zu dieser Zeit eine sehr umtriebige Antifa-Bewegung …
HB: …und eine entsprechend starke Nazi-Bewegung. Es sei nur an den Studienrat am Mannheimer Tulla-Gymnasium (heute Realschule), Holocaust-Leugner und zeitweiligen NPD-Vorsitzenden Günter Deckert erinnert. Gibt es denn bestimmte typische Anlässe für die Entstehung von Antifa-Gruppen?
RR: Aus meiner Erfahrung aus einer Kleinstadt gab es diese Anlässe immer. Zum Beispiel die Ablehnung einer Geflüchteten-Unterkunft oder das Auftreten einer rechten Kameradschaft.
HB: Das können wir auch in ähnlicher Weise für Mannheim oder auch für Neustadt bestätigen. „Mannheim gegen Rechts“ und auch das „Regionale Bündnis gegen Rechts Neustadt“ wurde stark durch das massive Auftreten der NPD in den 2000er-Jahren befördert. Meine Wahrnehmung des Filmes war, dass die autonome Antifa sich gar nicht vereinheitlichen lässt. Gab es Initiativen für eine bessere Vernetzung, für überregionale oder gar bundesweite Bündnisse?
Anlassbezogene und eher punktuelle überregionale Vernetzung
RR: Punktuell tauchen solche Vernetzungs- und Koordinationsbestrebungen immer wieder auf. Aber es liegt so ein bisschen in der Natur der Sache, auch durch diesen mehr oder weniger stark ausgeprägten anarchistischen Charakter, dass man sich letztendlich nicht überregional organisieren will. In den 1990er-Jahren gab es schon Versuche, aber letztendlich sind die dann auch gescheitert. Die Arbeitsschwerpunkte sind überall auch anders gesetzt.
HB: Aber hat die Vernetzung zwischen den autonomen Gruppen nicht etwa durch „Social Media“ deutlich zugenommen?
RR: Natürlich spielt das eine Rolle. Aber es klappt am besten anlassbezogen. Zum Beispiel im Februar dieses Jahrs in Dresden bei Gegendemonstrationen gegen die Aufmärsche der Nazis. Da funktionierte es ziemlich gut. Da taten sich auch die „gewaltfreien“ Bündnisse mit „autonomen Gruppen“ zusammen.
HB: Noch mal zurück zu den Baseballschläger-Jahren und zum Film. Die These des Films ist doch, weil der Staat versagte, war die Antifa gezwungen, sich militant zu verteidigen oder teilweise auch anzugreifen, um sich Terrain zurückzuerobern.
RR: Im Grunde ja …
HB: Aber die Protagonisten des Films, wie sehen oder reflektieren diese den militanten Ansatz im Rückblick nach gut dreißig Jahren?

RR: Nach meiner Erinnerung – ich habe den Film vor gut einem halben Jahr gesehen – stehen die schon zu dieser Form, die sie da gewählt haben.
HB: Ich hatte teilweise durchaus eine gewisse Relativierung festgestellt.
RR: Ja, ich glaub, einer sagt dann auch mal, dass die Militanz an einem bestimmten Punkt eine Eigendynamik gewonnen hatte. Es entstand so das Bild des militanten, schwarz gekleideten Mannes – Typus Straßenkämpfer. Der war kein Anknüpfungspunkt, um mehr Leute zu gewinnen. Das ging mir persönlich auch so – damit konnte ich mich nicht identifizieren.
HB: Nach meiner Erinnerung gibt es im Film schon diese Gewalt-Diskussion. Es wird z.B. betont, dass man nicht nochmals nachtreten sollte, wenn einer schon auf dem Boden liegt.
Danke für das Interview und die Bereitschaft am 4.6.2025 im Roxy-Kino in Neustadt über den Film „Antifa – Schulter an Schulter, wo der Staat versagte!“ zu sprechen.
Der zweite Teil des Interviews „Renaissance der Militanz“ wurde am 25.5.2025 veröffentlich.
Mögliche Änderungen oder Ergänzungen am Programm des Solidarischen Frühlings auf dem Hambach-Blog https://hambacherfest1832.blog/
Was sonst noch so los ist in den nächsten Tagen und Wochen …
… findet ihr auf dem Veranstaltungskalender des Hambach-Blogs
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