„Antifa – Schulter an Schulter, wo der Staat versagte“ Filmvorführung mit einer Einführung von Richard Rohrmoser
Eine der erfolgreichsten Veranstaltungen des „Solidarischen Frühlings – Neustadt ‘25“ war die Vorführung des Dokumentarfilms „Antifa – Schulter an Schulter, wo der Staat versagte“ (Trailer) am 4.6.2025 im Roxy-Kino in Neustadt an der Weinstraße. Fast 100 Personen waren gekommen, um die Interviews mit ehemaligen Mitgliedern der autonomen Antifa über deren Erfahrungen in den sogenannten „Baseballschlägerjahren“ in den 1990er Jahren zu hören. Angereichert werden diese Interviews mit dokumentarischem Filmmaterial, das die rassistische und nazistische Gewalt dieser Jahre und die Gegenwehr der Antifa zeigen. War alles umsonst, wenn man die letzten Ergebnisse der Landtagswahlen und eine neue Gewaltwelle junger Nazigruppen sieht? Wird die Militanz jener Jahre auch von Seiten der Antifa im Rückblick problematisiert oder verteidigt? Das sind Fragen, die der Film aufwirft ohne eine eindeutige Antwort zu geben.

Die lebendige Diskussion nach dem Film drehte sich aber weniger um die Frage der Militanz in antifaschistischen Bewegungen als konkret um Fragen der demokratischen Gemeinschaftsbildung, der Vernetzung und Zusammenarbeit in Neustadt und der Region.
Danke an Michael Kaltenegger für die Möglichkeit den Film in seinem Roxy-Kino zu zeigen.
Der Mannheimer Historiker Dr. Richard Rohrmoser, Autor des Buches „Antifa –Porträt einer linksradikalen Bewegung“ eröffnete den Abend mit einer kurzen Einführung, die der Hambach-Blog im Folgenden dokumentiert.
„Zum ersten Mal sprechen in diesem Dokumentarfilm 5 Antifa-Aktivist:innen ausführlich über die Hintergründe und Praktiken einer höchst professionellen Bewegung, die der aufblühenden Neonaziszene im wiedervereinigten Deutschland nach 1989 entgegentrat.“ – So lautet der offizielle Ankündigungstext dieses Dokumentarfilms.

Bevor wir diesen jetzt anschauen, möchte ich ein bisschen etwas zum Kontext sagen. Dabei möchte ich gar nicht zu tief in die Geschichte eintauchen, aber will doch zumindest erwähnen, dass die historische Antifa bereits in den 1920er Jahren aus KPD, SPD und Gewerkschaften entstanden ist, um den Machtantritt der NSDAP noch zu verhindern. Prägend für die Bewegung waren dann die Erfahrungen im Nationalsozialismus, im Zweiten Weltkrieg und während des Holocausts. Dementsprechend streitet die Bewegung auch heute noch über die aus der Geschichte zu ziehenden Lehren.

Nach 1945 entstanden Gruppen wie die »Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes« (VVN) oder Parteien wie zunächst die DKP oder später Die Linke, die sich den Antifaschismus bis heute groß auf die Fahnen schreiben. In den frühen 1980er Jahren entstanden schließlich die »Autonomen Antifa«-Gruppen, die sich vor allem durch ihre Gewaltbereitschaft auszeichneten, und die in diesem Dokumentarfilm thematisiert werden. Erkennungszeichen der »Autonomen Antifa« ist seitdem eine nach links wehende rot-schwarze Doppelflagge, die von einem »Rettungsring« umgeben ist.
Große Bedeutung erfuhr die »Autonome Antifa« insbesondere in den 1990er Jahren: Es war die Zeit der deutschen Wiedervereinigung, des raschen Erstarkens neofaschistischer Strukturen und der vielen rechtsextremen Brandanschläge und Morde an Nicht-Deutschen. Insbesondere die pogromartigen Gewaltausschreitungen in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen sowie die Brandanschläge in Mölln und in Solingen machten die Notwendigkeit antifaschistischer Gegenwehr deutlich.

Nachdem es bereits im Herbst 1991 zu schweren rassistischen Ausschreitungen in Hoyerswerda kam, fanden in Rostock-Lichtenhagen Ende August 1992 tagelang rassistische Attacken auf eine Unterkunft für Asylbewerber:innen und auf ein vietnamesisches Wohnheim durch hunderte rechtsextreme Randalierer statt. Nur durch sehr großes Glück kam bei diesem Pogrom niemand ums Leben. Im schleswig-holsteinischen Mölln und im nordrhein-westfälischen Solingen dagegen kamen bei zwei rassistischen Brandanschlägen insgesamt acht türkischstämmige Menschen ums Leben.
Während diese vier Städtenamen – Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen – ins kollektive Gedächtnis der Bundesrepublik einzogen, ist dagegen relativ unbekannt, dass sich auch im Mannheimer Stadtteil Schönau im Frühjahr 1992 tagelang ein enthemmter Mob von ca. 500 Personen vor einer Geflüchtetenunterkunft zusammenfand und diese attackierte. Es war eine Zeit, in der sich viele Menschen vor einem neuen Faschismus fürchteten. An diese Zeit knüpft dieser Dokumentarfilm an.

Wie wir im Folgenden sehen werden, leistete und leistet die »Autonome Antifa« Aufklärungs- und Bildungsarbeit und setzt sich für eine antifaschistische Erinnerungskultur ein. Zu ihrem Repertoire an Protestaktionen zählen aber manchmal auch Farbbeutelattacken, Sabotageakte sowie das Werfen von Steinen und Molotowcocktails. Innerhalb der Szene existiert der Konsens, dass Gewalt nur gegen Sachen bzw. gegen Personen nur im Falle von Selbstverteidigung angewendet werden soll. Der Erfolg von Aktionen wird in der Szene vor allem am Grad der Medienaufmerksamkeit bewertet und insofern ist selbstverständlich die Gewaltfrage immer wieder ein zentraler Streitpunkt.

Migrantifa-Fahne auf einer Demonstration in Berlin 2020 (Leonhard Lenz, CC0, via Wikimedia Commons)
Heute ist die »Autonome Antifa« meiner Meinung nach deutlich diverser als früher: So sind in der Zwischenzeit etliche feministische Antifa-Gruppen (»Fantifa«) oder migrantische Antifa-Gruppen (»Migrantifa«) entstanden, aber für die 1990er Jahre lässt sich festhalten, dass die meisten autonomen Antifas einem akademischen und biodeutschen Elternhaus entstammten, zwischen 15 und 30 Jahre alt und viel öfter männlich als weiblich waren.
In den 1990er Jahren bemühte sich die »Autonome Antifa« durch Kulturarbeit attraktiver für junge Menschen zu werden: Sie bezog sich zunehmend auf aktuelle Popkultur und folgte dem Motto: »Antifaschismus ist zwar keine Frage der Mode, aber trotzdem können unsere T-Shirts cool aussehen!«. Mode spielte eine bedeutendere Rolle, eine neue Veranstaltungs- und Party-Kultur entwickelte sich und rückblickend ist festzustellen, dass die Erneuerung der antifaschistischen Kulturpolitik recht erfolgreich war. (Auch wenn intern in der Szene ebenso Kritik entstand, dass sich die Bewegung inzwischen zu sehr durch Lifestyle, Outfits und Symbolik definiert als durch konkrete politische Inhalte).
Damals wie heute hat die »Autonome Antifa« polarisiert bzw. polarisiert weiterhin: Für Kritiker:innen stellt sie aufgrund ihrer konfrontativen Praxis und der Infragestellung des staatlichen Gewaltmonopols eine Gefährdung für die Demokratie von links dar. Sympathisant:innen der Bewegung vertreten dagegen den Standpunkt, dass selbst autonome Antifa-Gruppen einen notwendigen zivilgesellschaftlichen Beitrag gegen Rassismus und Rechtsextremismus leisten.

Meine These dazu lautet, dass es durchaus der Vorleistung der »Autonome Antifa« zu verdanken ist, dass sowohl die Zivilgesellschaft als auch der Staat in den 1990er Jahren durch antifaschistische Impulse resoluter auf Rechtsextremismus reagierten. Im Gegensatz dazu fanden in den 1980er Jahren beispielsweise öffentliche Veranstaltungen von NS-Vereinigungen noch erschreckend oft statt und stießen oftmals nicht auf Widerstand.
Aus einer wissenschaftlichen Perspektive betrachtet ist die breite »Antifa-Bewegung« daher noch nicht als das im kollektiven Gedächtnis anerkannt, was sie meiner Meinung nach war und ist: eine soziale Bewegung zur Bekämpfung von Rassismus und Rechtsextremismus.
Der Hambach-Blog hat im Vorfeld der Filmvorführung mit Richard Rohrmoser ein langes Interview geführt, das in zwei Teilen veröffentlicht wurde:
Teil 1: „Dass man die Bekämpfung nazistischer Strukturen in die eigene Hand nimmt, das war ein neues Phänomen
Teil 2: Renaissance der Militanz?
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