Rückblick auf die Aktionen von Freieinig und Co. an Pfingsten 2025
Zum zweiten Mal hat die Neustadter Gruppe Freieinig bundesweit zu einem „Demokratiefest der Initiativen“ an Pfingstsamstag und einem „Marsch auf das Hambacher Schloss“ an Pfingstsonntag eingeladen. Freieinig ist aus der Bewegung gegen die staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie hervorgegangen. Einige ihrer führenden Personen waren bereits in den Jahren 2022 und 2023 bei den „Weißen“ von Wolfgang Kochanek beteiligt, die ebenfalls das Hambacher Schloss, bekannt für das Hambacher Fest von 1832, als Ziel erkoren hatten.
Wie viele TeilnehmerInnen konnte Freieinig in diesem Jahr mobilisieren? Im Vergleich mit dem letzten Jahr deutlich weniger! Welche politischen Akzente konnte man erkennen? Mit dem Auftritt von zwei prominenten Vertretern des Deutschen Freidenker-Verbands auf dem Schlossgelände an Pfingstsonntag ist eine Tendenz zu einer „Querfront“-Bündnispolitik zu erkennen. Gleichzeitig verloren einige der maßgeblichen Freieinig-Leute jegliche Hemmung, mit einer Person, die eine Holocaustleugnerin verehrt, zusammen aufzutreten. Offensichtlich wurde im Vorfeld der Pfingstaktionen von Freieinig auch, dass einige ihrer Mitglieder oder Sympathisanten in der Reichsbürgerbewegung aktiv sind. Die Details im folgenden Blogbeitrag.
Pfingstsamstag: „Same procedure as every year“
In diesem Jahr am Pfingstsamstag waren an die 20 Stände in der Innenstadt von Neustadt angekündigt, darunter etwa „Herborn steht auf“, „München steht auf“, „Neustadt steht auf“, „Eltern stehen auf“, „Studenten stehen auf“ und wer auch immer noch aufgestanden ist. Schon im letzten Jahr hatte auch der Deutsche Freidenker-Verband einen Infostand. In diesem Jahr war er allerdings zum ersten Mal prominent mit zwei Rednern auf der Kundgebung auf dem Schlossgelände vertreten.
Die Aufmerksamkeit des Neustadter Publikums am Samstag hielt sich in Grenzen. Bizarr die Situation am Hetzelplatz, wo Dauerredner von „Klartext“ vor den Gefahren des Impfens warnten. Der Platz war wie leergefegt, als hätten sich die Neustadter verabredet, nicht rechtzeitig „aufzustehen“ oder den Platz zu meiden, um sich der Dauerbeschallung zu entziehen. So war es auch schon im letzten Jahr. Mit einem Unterschied. Im letzten Jahr waren vor dem Dauerredner noch zwei Handykameras auf Stativen aufgebaut, um die Klartext-Botschaften in die dunklen Kanäle des Internets zu streamen. In diesem Jahr fehlten sogar die Kameras.
Neu war ein „Schweigemarsch“ der versammelten „Initiativen“ durch die Innenstadt. Nach unterschiedlichen Schätzungen beteiligten sich daran 70 bis 120 TeilnehmerInnen.
Am Kartoffelmarkt hatte das Regionale Bündnis gegen Rechts Neustadt, die Omas gegen Rechts Neustadt und die Friedensiniative Neustadt ihre Infostände aufgebaut und manche riefen den SchweigemarschiererInnen zu, dass sie in Neustadt nicht willkommen seien und ihr „Demokratiegesülze“ nicht ernst genommen werden könne, solange sie von Anhängern der Reichsbürgerbewegung angeführt würden.
Reichsbürger
Schon bisher waren auf den Demonstrationen und Kundgebungen von Freieinig und ihren Vorgängern, Kochaneks „weißer“ Truppe, Symbole und Fahnen von Reichsbürgern gesichtet worden. 2022 dominierten sie fast das Fahnenmeer. Kochanek wie Freieinig hatten sich von der Reichsbürger-Ideologie verbal zwar gelegentlich distanziert. Nun ist aber klar, dass u.a. der Sprecher von Freieinig aktiv bei den zentralen Reichsbürgeraufmärschen zusammen mit dem bekennenden Lorscher Reichsbürger Wolfgang Burkard die Trommel schlägt. Das war erneut am 26.7.2025 in Karlsruhe zu besichtigen. Der Hambach-Blog berichtete.

Man musste in diesem Jahr etwas genau hinschauen, um die Verbindung zur Reichsbürgerbewegung zu erkennen. Mehrfach wurde beispielsweise Kennzeichen des Verbands Deutscher Wahlkommissionen (VDWK) getragen, die in den ehemaligen Fürstentümer des Kaiserreichs Eintragungen in Wahlregister organisieren. Nicht nur von Reichsbürger, aber auch von diesen wird gerne die Deutsche Fahne in umgekehrter Farbreihung Gold-Rot-Schwarz gezeigt, so auch auf dem Marktplatz in Neustadt am Pfingstsonntag.
Tarnen und Täuschen – Mehr Demokratie e.V. sagt Teilnahme ab
Dass Freieinig mit ihrem Gerede von „Friede, Freude, Eierkuchen“ auf Täuschung über ihre wahren politischen Absichten aus ist, musste der Verband „Mehr Demokratie e.V.“ erkennen.
Dieser Verein setzt sich für mehr BürgerInnen-Beteiligung in der parlamentarischen Demokratie ein. Er unterstützt oder initiiert z.B. Volksbegehren oder Volksinitiativen auf der Ebene der Bundesländer und Kommunen oder setzt sich für Petitionen oder Bürgerräte ein. Der Sprecher des Bundesvorstands von Mehr Demokratie e.V., Ralf-Uwe Beck, war im Oktober letzten Jahres beim Hambacher Gespräch auf das Hambacher Schloss geladen, um die Frage „Mehr Bürgerbeteiligung wagen?“ zu diskutieren.
Am 5.6.2025 erklärte Henrik Lenzgen vom Landesverband Rheinland-Pfalz, dass sie die zunächst geplante Teilnahme am „Fest der Initiativen“ abgesagt hätten. Sie hätten zunächst nicht gründlich genug recherchiert, wer sich hinter dem harmlos klingenden „Fest der Initiativen“ verberge. Rechtzeitig hätten sie nun erkannt, dass sich bei diesem Event „Reichsbürgerinnen und Reichsbürger, Rechtsextreme, Esoterikerinnen und Esoteriker mit teils antidemokratischer und staatsfeindlicher Haltung“ tummeln. Das sei mit ihrem Selbstverständnis nicht vereinbar.
Pfingstsonntag: Eine neue Querfront?
Der Aufstellung zum Freieinig-Marsch zum Hambacher Schloss auf dem Marktplatz am Pfingstsonntag war nicht nur verregnet, sondern auch relativ kläglich, was die TeilnehmerInnenzahl betrifft. Vielleicht waren es 100 vielleicht auch 150, die sich da versammelten. Manche mögen auch zu spät „aufgestanden“ sein. Anderen der überwiegend älteren Demonstrierenden war der doch relativ weite und steile Weg auf das Schloss vielleicht auch zu anstrengend. Auf dem Schlossgelände mögen es dann nach Polizeiangaben und eigenen Zählungen zwischen 350 und 400 Personen gewesen sein. Das sind nochmals deutlich weniger als Freieinig im letzten Jahr auf das Schloss mobilisieren konnte. 2024 wurden etwa 600 bis 700 Freieinig-MitläuferInnen gezählt. Ein weiterer wirklich heftiger Regenschauer trieb dann gut die Hälfte dieser Leute während der Kundgebung in die Flucht.
In diesem Jahr waren so gut wie keine Reichsbürgerfahnen zu sehen, obwohl zwischenzeitlich offensichtlich ist, dass mindestens der Sprecherkreis von Freieinig von Anhängern der Reichsbürgerbewegung durchsetzt ist. Der Hambach-Blog berichtete. Manche in Weiß Gekleideten hatten wohl nicht mitbekommen, dass die Zeit der „Weißen-“Bewegung eines Wolfgang Kochaneks vorüber ist.

Eine AfD-Fahne wurde auch gesichtet und viele Friedensfahnen, insbesondere die mit der weißen Taube.

Freidenker oder Querfrontdenker
Der Deutsche Freidenker-Verband stellte erstmals gleich zwei Redner bei der Kundgebung auf dem Schlossgelände: Klaus Hartmann, der stellvertretende Verbandsvorsitzende, und Diether Dehm, „einfaches“ Mitglied bei den Freidenkern.
Was hat es mit diesen Freidenkern auf sich? Eine der Ursprünge dieser Bewegung könnte man mit einem aktuellen Slogan der Klimabewegung „follow the science“ umschreiben. Was nicht von der Wissenschaft belegt werden kann, wird abgelehnt. Der Metaphysik wird eine Absage erteilt. Diese Ursprünge der Freidenker-Bewegung aus der Epoche der „Aufklärung“ wird ergänzt durch eine religionskritische Ausrichtung mit Forderungen etwa nach der Trennung von Kirche und Staat. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert war der Deutsche Freidenker-Verband eng mit der SPD verbunden und hatte zu seinen Hochzeiten gut 600.000 Mitglieder, heute sind es wohl nicht mehr als 3.000. Die Nationalsozialisten verboten den Verband. Ihr Vorsitzender Max Sievers wurde 1943 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 17. Januar 1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden ermordet.
Sitzblockade = SA-Straßenterror?
Von dieser durchaus respektablen, auch antifaschistischen Tradition ist bei Klaus Hartmann nicht mehr viel übriggeblieben. Die Straßenblockade der Freieinig-Demonstration auf dem Weg zum Schloss an diesem Tag von vielleicht 20 bis 30 jungen Antifaschist:innen setzte er gleich mit „Straßenterror“ der SA in den 1930er Jahren. Was für ein ungeheuerlicher Vergleich.

Die SA betrieb Straßenterror, ab 1933 unter dem Schutz des NS-Staates, in deren Folge Hunderte von Ermordeten und Verletzten zu beklagen waren. Eine gewaltfreie Straßenblockade dagegen ist ein legitimes Mittel des politischen Protestes in der Demokratie. Man denke etwa an die Aktionen der Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten oder an die Proteste in Mutlangen gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen. Ob die Straßenblockade auch legal ist, darüber haben gegebenenfalls Gerichte zu entscheiden.
Doch das war nur der Auftakt von Hartmanns Rede, in der er ganz querfrontmäßig, die Unterscheidung von „rechts“ und „links“ für überholt erklärte.
Sondervermögen und Kriegskredite
Eine Verurteilung des völkerrechtswidrigen Kriegs Russlands gegen die Ukraine? Fehlanzeige. Dafür eine weitere bodenlose, geschichtsrevisionistische Behauptung: Das durch die Scholz-Habeck-Lindner-Regierung aufgelegte „Sondervermögen“ von 100 Mrd. Euro nach dem Überfalls Russlands auf die souveräne Ukraine wurde von Hartmann gleichgesetzt mit der Zustimmung der SPD 1914 zu den kaiserlichen Kriegskrediten für die Führung des Ersten Weltkriegs.
Wie war das 1914? Deutschland erklärte am 1.8.1914 Russland und am 3.8.1914 Frankreich den Krieg. Danach, am 4.8.1914, kam es zur Abstimmung im Reichstag über Kriegskredite für das kriegsführende Kaiserreich, denen der Reichstag und auch die gesamte SPD-Fraktion zustimmte.
Man mag das „Sondervermögen“ von 2022 oder auch von 2025 zur Aufrüstung der Bundeswehr ablehnen oder ihnen auch zustimmen. Aber Deutschland führt keinen Krieg, für den es „Kriegskredite“ benötigte, und es gibt auch erkennbar keine Absicht, einen solchen (Angriffs-)Krieg gegen Russland zu führen. Der Vergleich mit dem Kaiserreich und der Situation im August 1914 ist geschichtsvergessen und demagogisch.
Der Vergleich mit dem Kaiserreich und der Situation im August 1914 ist geschichtsvergessen und demagogisch.
Nato-Brigade in Litauen auf dem Weg nach Leningrad?
Genauso unsäglich und verlogen ist der Vergleich Hartmanns, wenn er die unter maßgeblicher Beteiligung der Bundeswehr aufgestellte Nato-Brigade in Litauen in Bezug setzt zu der Hungerblockade der Wehrmacht gegen Leningrad ab 1941. In dieser Tradition der Völkermörder und der Nazis stünden leider heute die Regierenden, so Klaus Hartmann an Pfingstsonntag auf der Freieinig-Kundgebung. Da fällt einem gar nichts mehr dazu ein.
Geschichtsklitterungen in Bezug auf Russland ist auch eine Spezialität von von Karl-Friedrich Rothe, einem der Sprecher von Freieinig. Wir sind darauf schon mehrfach eingegangen.
Man mag die Politik der Bundesregierungen in Bezug auf die militärische Unterstützung der Ukraine sehen wie man will. Aber es gibt überhaupt keinen Zweifel daran, dass Russland 2022 (nach 2014 erneut) die Ukraine völkerrechtswidrig überfallen hat. Und allen Abrüstungsfreunden sei in Erinnerung gerufen, dass die Ukraine ihr Atomwaffenarsenal komplett 1994 an die Russische Föderation übergab und dafür im Budapester Memorandum, das Bezug nimmt auf verschiedene internationale Verträge, eine Garantie für die Unverletzlichkeit ihrer Grenzen erhielt. Klaus Hartmann war es nicht wert, dies auch nur erwägend in Betracht zu ziehen.
Ein „bunter Hund“
Und was ist von Diether Dehm, auch Mitglied des Freidenker-Verbands, zu halten, der nach Hartmann das Mikrofon ergriff? Er ist ein „bunter Hund“ und durchaus gewiefter Politiker. Ehemals Sänger unter dem Künstlernahmen Lerryn, Musikproduzent und Politiker. So wird er gerne vorgestellt. Politiker war er zunächst bei den Falken, Jusos und der SPD, dann bei der PDS (stellvertretender Bundesvorsitzender), danach in der Partei Die Linken, auch als Bundestagsabgeordneter. Mittlerweile wäre er gerne Mitglied des Bündnisses Sahra Wagenknecht, das ihn aber anscheinend nicht aufnehmen will. Ob für ihn gilt, dass Wagenknecht keine „Spinner“ in ihrer Partei haben will? Angeblich, so Dehm in einem Interview, wird er wegen der „Brandmauer“ des BWS gegenüber der AfD nicht aufgenommen. Denn er trete ein für Gespräche zwischen AfD und BSW. Das klingt nach Querfront-Politik, d.h. linke wie rechte politische Kräfte gemeinsam gegen das „System“ in Stellung zu bringen. Ganz in diesem Sinne lobt Dehm am Pfingstsonntag Björn Höcke für seine Unterstützung der Forderung des BSW nach Neuauszählung der Bundestagswahl 2024.

Ist wieder nicht alles gut gelaufen?
Im letzten Jahr verkündete Freieinig-Sprecher Karl-Friedrich Rothe nach den Pfingstaktionen: „Es ist nicht alles gut gelaufen, Freunde“. Und er gelobte Besserung. Ob es diesmal „besser lief“ mag Freieinig selbst beurteilen.
Festzuhalten bleibt: Mit Hartmann und Dehm hat Freieinig eine neue politische „Farbe“ gewinnen können, eine Farbe, die für manche einen „linken“, vielleicht sogar antifaschistischen Lack aufweist. Aber dieser Lack blättert ab. Solange Hartmann zusammen mit Bewunderern der Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck und Anhängern der Reichsbürgerszene auf das Schloss läuft und Dehm, wenn auch in einer Umdichtung, „Deutschland, Deutschland über alles“ singt, werden wir Freieinig weiter als das bekämpfen, für das wir sie halten: Feinde der Demokratie mit einem weit offenen Scheunentor für Geschichtsklitterer, Reichsbürger und Rechtsextremisten.
Ulrich Riehm, Freundeskreis Hambacher Fest 1832
Danke an GR und MH für hilfreiche Hinweise zu diesem Beitrag. Das Titelfoto mit freundlicher Erlaubnis des Doku-Netzwerk Rhein-Main. Weitere Fotos des Doku-Netzwerk Rhein-Main wurden nachträglich nach der Erstveröffentlichung des Beitrags eingefügt.
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