Demokratie feiern

HambacherInnen feierten am Sonntag die Demokratie und setzen ein Zeichen gegen die rechtspopulistischen Demokratieskeptiker

Seit nun fast einem Jahr ziehen vierzehntägig sonntags, mal 50 mal 150 Personen aus der Querdenker- und „Wir-leben-in-einer-Diktatur“-Szene auf das Hambacher Schloss, das sie zu ihrer Wallfahrtstätte erkoren haben. Nicht nur das ewige Getrommel, sondern auch die politischen Inhalte dieser Leute gehen manchen HambacherInnen gehörig auf die Nerven. Am letzten Sonntag, 7.4.2024, wurde deshalb Party für die Demokratie gefeiert. Ein Teilnehmer berichtet für den Hambach-Blog. Danach dokumentieren wir einen Bericht der Rheinpfalz zu dieser Bürgeraktion.

Bunte Fahne mit Fridenstaube am 7.4.2024 in Neustadt-Hambach
Sonntag, 7.4.2024, Hambach (Foto: privat)

Unter dem Motto „Demokratie feiern“ fanden am Sonntag an vier verschiedenen Stellen in Hambach, Partys auf privaten Geländen statt. Fröhliche Picknicks mit Snacks und Musik unter Regenbogen- und Europafahnen.

Zum gleichen Termin fand der, sich vierzehntägig wiederholende, Demonstrationszug von rechtspopulistischen „Demokratieskeptikern“ hinauf zum Hambacher Schloss statt.

Der feste Vorsatz der feiernden Bürger und Bürgerinnen, die Demo Demo sein zu lassen, die Demonstrierenden schlichtweg zu ignorieren, war nicht möglich. Die Hambacher ertragen diese Veranstaltung seit Monaten mit Gleichmut und Unruhe ist bisher noch nicht aufgekommen. An diesem Sonntag aber war der Wunsch von Seiten der Demonstrierenden nach Eskalation sofort zu spüren.

Die Demo wurde, wie immer, von zwei Polizeifahrzeugen begleitet. Eines vor, eines hinter dem Zug. Das erste Fahrzeug hielt an der ersten Feierstation an, um die Bürger zu ermahnen, Ruhe zu bewahren und die Demonstrierenden nicht zu provozieren. Bitte? So etwas nennt man fachlich Täter-Opfer-Umkehr. Auf welcher Seite befindet sich hier die Provokation und die Gewaltbereitschaft? Dass bei diesen Demos u.a. Reichsbürger mitmarschieren, weiß man inzwischen.

Was in der Mitte zwischen den Polizeifahrzeugen passierte, also da wo sich die Demonstrierenden befanden, interessierte offensichtlich nicht. Da wurde ganz unverfroren in private Veranstaltungen hineingefilmt und fotografiert. Diese Bilder wurden live im Netz gestreamt und dann auf YouTube gestellt. Es wurden Persönlichkeitsrechte ignoriert und Gesetze übertreten. Begleitet, man muss es leider feststellen, von der Polizei.

Die Aufforderung von Seiten der Feiernden die Kameras auszustellen, lief ins Leere und wurde mit aggressiven Sprüchen kommentiert. Besonders hervorgetan, was die Aggressivität anging, hatte sich ein Mann mit einer Binde, auf der „Ordner“ zu lesen war. Da hatte wohl jemand seinen Job nicht verstanden.

Die Polizei im hinteren der beiden Fahrzeuge wurde informiert und sah sich nicht in der Lage, in irgendeiner Weise tätig zu werden. Ergebnis: die friedlich Feiernden und diejenigen, die auf ihr Recht am Bild – vor den laufenden Kameras der Demonstrierenden – gepocht hatten,
wurden und werden im Stream und auf Youtube verunglimpft, falsch dargestellt, richtiggehend vorgeführt.

Einen echten Schmunzler gab es dann etwa eine Stunde später. Eine Gruppe der Demonstrierenden war bereits schon wieder auf dem Rückweg und berichtete (wohl erbost über sich selbst), man sei eine Bürgerinitiative von Bauern und Handwerkern und man hätte an der „völlig falschen Veranstaltung“ teilgenommen. So einen „Blödsinn“,
wie er in den Reden der Demonstranten verbreitet würde, hätten sie „noch
nie gehört“.

Helmut Dreier, Neustadt-Hambach

Auch die Rheinpfalz berichtete am 8.4.2024 „Bei Demozug zum Schloss: Hambacher zeigen sich bunt“

Seit Sommer 2023 finden alle zwei Wochen Demonstrationszüge zum Hambacher Schloss statt. Es kommen jeweils Menschen zusammen, die mit dem politischen System unzufrieden sind. Nun haben Anwohner aus Hambach einen bunten Farbtupfer gesetzt.

Verschiedene Akteure melden jeweils die Versammlungen am Hambacher Schloss an und halten so die Neustadter Stadtverwaltung als Genehmigungsbehörde auf Trab. Anwohner müssen es seit Monaten erdulden, dass Demonstranten an Wochenenden mit lauten Trommelschlägen durch Hambach ziehen. Dadurch hätten sich „Ängste und Unruhe“ breitgemacht, wie eine Bürgerin der RHEINPFALZ offen erzählt. Denn man habe auch nicht wirklich greifen können, wer da komme, um was es gehe. „Und was das alles soll.“

Auf eine private Initiative hin traf sich eine Gruppe zum Austausch. Jeder sollte erzählen, wie es ihm mit den regelmäßigen Aufzügen gehe. 30 Personen trafen sich. Die Gruppe war sich auch einig, selbst in Erscheinung zu treten. Aber eben nicht als Gegendemo, „sondern kreativ und bunt“. Als die Hambacher vom Thema der Demo am vergangenen Sonntag hörten, nahm die Idee Gestalt auf. Denn die Demonstranten der Gruppe „Herborn steht auf“ (Stadt im mittelhessischen Lahn-Dill-Kreis) starteten einen Demokratie-Trauerzug mit Sarg in Richtung Schloss.

„Neu­stadt bleibt bunt“

Die Hambacher hatten in etlichen Gärten und auf Grundstücken in den Straßen rund ums Schloss kleine private Partys organisiert. „Wir wollten feiern, bunt und laut sein und zeigen, dass wir gerne in diesem Land und in diesem System leben“, so die Bürgerin, die eine Initiatorin der Aktion war. Sie freut sich, dass insgesamt rund 100 Feiernde zusammengekommen sind. Es habe zudem viele Plakate gegeben – unter anderem mit dem Schriftzug „Neustadt bleibt bunt“. Auch an Häusern, die nicht für die Partys angemeldet waren. „Das hat mich sehr gefreut.“ Die Aktion sei bis auf ein, zwei Provokationen „total friedlich“ verlaufen. Daher seien nun alle „beseelt und gut gelaunt, wir haben es genossen, denen zu zeigen, dass wir anders empfinden“. Denn es sei wichtig, „bunte Akzente zu setzen und Vielfalt zu zeigen“.

Axel Nickel, Rheinpfalz 8.4.2024, https://www.rheinpfalz.de/lokal/neustadt_artikel,-bei-demozug-zum-schloss-hambacher-zeigen-sich-bunt-_arid,5633634.html

Aktuelle Beiträge auf dem Hambach-Blog