Volker Weiß auf dem Hambacher Schloss zu seinem neuen Buch „Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört“
Ein Veranstaltungsbericht von Michael Hansen, Freundeskreis Hambacher Fest 1832
Das Hambacher Schloss ist als Ort einer Abendveranstaltung ziemlich ungeeignet. Man muss das Auto nehmen, um hinzukommen. Vor allem am Ende der Veranstaltung braucht man es, kein Bus mehr nirgends.
Wir kamen am 6.3.2025 von jenseits des Rheins. Wir ließen die Rheinebene hinter uns und gelangten durch den Wald, den Berg hoch zum Parkplatz. Dann mussten wir noch die wirklich steilen Treppen hinauf zur Schlossterrasse nehmen. Dort wendet sich der Blick unwillkürlich der Talebene zu. Und auch an diesem schon dunklen Abend war die Ausschau erhebend. Die Lichter der Ortschaften unten in der Rheinebene glänzten. Der Himmel war sternenklar.
Sobald wir das Gebäude des Schlosses betreten hatten, erschien es mir ganz anders: Das Schloss ist der am besten geeignete Ort für eine Veranstaltung, derentwegen man so weit angefahren kam.

Vier Wochen ist das Buch erst erhältlich und bereits im Februar auf der Sachbuch-Bestenliste von ZDF, der Wochenzeitung „Die Zeit“ und Deutschlandfunk Kultur auf Platz 1: „Das Deutsche Demokratische Reich. Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört.“ Der Historiker und Fachautor Volker Weiß stellte sein neuestes Buch auf dem Hambacher Schloss zum ersten Mal in der Öffentlichkeit vor.
Weiß begannt mit der zentralen These seines Buches. Die extreme Rechte führe einen „systematischen Angriff auf die moderne Geschichtsschreibung“. Und das mache sie durch „die kontinuierliche Erschütterung von grundlegendem Wissen“. „Flood the zone with shit“ hat einer der bekanntesten Figuren dieses Angriffs, der ehemalige Berater Donald Trumps, Steve Bannon, als Handlungsanweisung ausgegeben. Flute das Netz mit Nonsens, Lügen, „alternativen“ Fakten, besetze die Ideale des Gegners, kapere ihre Symbole, behaupte heute dies und morgen das Gegenteil, oder mache es wie Trump, der seine Gegner in einem Satz als Faschisten und im nächsten als Kommunisten denunziert.
Weiß brachte dafür eine Fülle von Beispielen, legte ihre Wirkungsweise offen, arbeitete die Widersprüche heraus, belegte die Kontinuität der Argumentation.
Missbrauch des Hambacher Schlosses

Seine Schilderungen der Vorgehensweise erinnerten mich daran, warum wir 2018 den „Freundeskreis Hambach 1832“ initiiert hatten. Max Otte und seine rechten Freunde behaupteten, in der Tradition der 1832er zu stehen. Mit Hinweis auf das damalige Hambacher Fest griffen sie die Forderungen der Hambacher nach Pressefreiheit, gegen Fürstenwillkür und für ein einiges Deutschland auf, um die Demokratie in Deutschland zu denunzieren. Otte lud sogar seine Buddies aus CDU und AfD in den Festsaal des Schlosses ein, damit diese besser auf Tuchfühlung gehen können. Sie konnten dort unbeschadet den Rechtsextremisten Markus Krall beklatschen, der den Baum der Freiheit von Zeit zu Zeit mit dem Blut von Patrioten und Tyrannen begossen sehen will. Wenn man wollte, könnte man eine Linie vom Hambacher Schloss 2018 zum Bundestag im Februar 2025 ziehen, wo die Merz-CDU die AfD zur gemeinsamen Abstimmung in Sachen Grenzen schließen und Flüchtlinge abschieben eingeladen hat.
Die Ausstellung auf dem Schloss berichtet, dass der bayerische König ein Drittel seiner Armee in die Pfalz entsandte, um »Ruhe und Ordnung« wiederherzustellen. Neue Gesetze sollten die liberale und demokratische Opposition zerschlagen. Die Presse-, Vereins- und Versammlungsfreiheit wurde weiter eingeschränkt, Vereinigungen zu politischen Zwecken wurden ebenso verboten wie politische Reden bei öffentlichen Versammlungen.
Nichts davon musste die „Wir-leben-in-einer-Diktatur“-Szene befürchten. Otte ist zudem Anhänger Oswald Spenglers, eines Nationalisten, vehementen Gegners der Weimarer Republik und der parlamentarischen Demokratie. „Wer aber führendes Mitglied der Oswald-Spengler-Gesellschaft ist wie Max Otte, hat kein Recht, sich auf Hambach 1832 zu berufen“, streift Weiß auch dieses Kapitel rechter Geschichtsverfälschung.
War Hitler Kommunist?
Weiß‘ Buch ist schon gedruckt, als die AfD-Co-Vorsitzende Alice Weidel ihrem amerikanischen Unterstützer und Gesinnungsfreund Elon Musk erklärte, Hitler sei „dieser sozialistisch-kommunistische Typ“ gewesen. Als habe sie das Buch von Weiß als Drehbuch verstanden, verbreitete sie diesen Unsinn.
Weiß machte auf der Veranstaltung darauf aufmerksam, dass die Parole von den „linken Nazis“ schon lange zum festen Plot rechter Kreise gehöre. Sie habe in der alten Bundesrepublik zu den Standardprovokationen aus den Reihen der CDU/CSU gezählt. Der „gewohnheitsmäßige Polarisierer“ Franz Josef Strauß habe damit im Wahlkampf gegen Helmut Schmidt versucht, Punkte zu machen, erwähnte Weiß, ohne das Ergebnis zu verschweigen: Ohne Erfolg.
„Eine detaillierte Tiefenbohrung“ zu dieser Frage füllt ein ganzes Kapitel des Buches. Weiß offenbart dabei große Ausdauer in der Recherche und den Ehrgeiz, seine Erkenntnisse zu belegen, was seine manchmal überraschenden Ausführungen kurzweilig und spannend machen. Einiges hat man so nicht gewusst. Wenn Weiß am Abend glaubhaft versichert, sehr viel Goebbels gelesen zu haben, als offenbarte er eine geheime Leidenschaft, gibt es auch etwas für die gut hundert Teilnehmer zu lachen.
Weiß, misstrauisch, weil die Quelle nur unbestimmt angegeben worden war, forschte der angeblichen Aussage Goebbels‘ nach: „Der Idee der NSDAP entsprechend sind wir die deutsche Linke“. Das erschien ihm überfällig, denn immer wieder wurde diese Propagandafloskel von den linken Nazis als bewährte Allzweckwaffe gebraucht. Mit ihr sollte in perfider Weise bewiesen werden, dass eigentlich die Linken für Mord und Krieg des Nationalsozialismus die Verantwortung trügen.
Das Ergebnis: Weder war das Zitat vollständig wiedergegeben, nicht am behaupteten Ort erschienen, noch zur angegebenen Zeit publiziert worden. Der hauptsächliche Makel aber war: Das Zitat stammt nicht von Goebbels, der Autorität, die für den Kampf gegen den politischen Gegner gern als Zeuge herangezogen wurde.
Also warum „Arbeiterpartei“, wieso „sozialistisch“? Goebbels nutzte die Anziehungskraft der Begriffe für einen großen Teil der Wählerschaft, und definierte ihn einfach um:
„Wir sind Sozialisten, weil wir im Sozialismus, das heißt im schicksalsmäßigen Angewiesensein aller Volksgenossen aufeinander die einzige Möglichkeit zur Erhaltung unserer rassemäßigen Erbgüter und damit zur Wiedereroberung unserer politischen Freiheit und zur Erneuerung des deutschen Staates sehen“.
„Der nationalsozialistische Sozialismus (…) schließt die Klassen zusammen und schmiedet damit das Volk zu einer unlösbaren Blutseinheit aneinander“.
Das hatte mit der Formulierung eigener Interessen als Lohnabhängige, der Organisation der Arbeiter in Gewerkschaften, der Erkämpfung des Streikrechts nichts zu tun, sondern war die Begründung für das genaue Gegenteil, das der deutschen „Volksgemeinschaft“: das Proletariat als Teil einer „Bluts- und Schicksalsgemeinschaft“. Mit Provokationen, so schilderte Weiß, lotsten die Nazis Arbeiter in ihre Versammlungen.
„Wie haben die rote Farbe unserer Plakate nach genauem und gründlichem Überlegen gewählt, um dadurch die linke Seite zu reizen, sie zur Empörung zu bringen und sie zu verleiten, in unsere Versammlungen zu kommen“, so Adolf Hitler in seinem Buch „Mein Kampf“ zur feindlichen Übernahme der Farbe rot.
Was gegen die Gegenaufklärung tun?
Warum gelingt der Angriff auf eine eigentlich gesicherte Geschichtsschreibung? Die Weiß‘sche Antwort kann mich nicht überzeugen, ohne dass ich die Antwort kennen würde. Auf die entsprechende Frage führte er an, dass der Geschichtsunterricht in den Schulen verschwinde, indem er mit anderen Fächern zusammen gelegt werde. An den Budgets für die politische Bildung werde gekürzt. Eigentlich wissenschaftlich gut abgesicherte Begrifflichkeiten würden auch in den Medien ungenau verwendet.
Aber ist nicht gerade in Deutschland die Aufklärung über die Ermordung der europäischen Juden elementarer Bestandteil von Schulunterricht? Der Weg der Etablierung einer Diktatur über Ermächtigungsgesetze, Gewalt, die Einschränkung und schließlich Beseitigung von Rede- und Versammlungsfreiheit, die Zerschlagung gegnerischer Parteien und der Gewerkschaften, die Beseitigung einer unabhängigen Justiz und die Ausrichtung auf eine Person im Führerstaat Gegenstand unzähliger Filme und Bücher, Vorträge und Diskussionen? Anstrengungen, die von den extremen Rechten sofort und geradezu zwangsläufig mit dem Wort „Schuldkult“ diffamiert wurden?
Aber einverstanden bin ich mit seiner Antwort auf die Frage nach Mitteln gegen den Versuch von rechts, Geschichte zu verfälschen. Wichtig seien „Rationalität und Aufklärung“. Und sich zu organisieren, z.B. in den Gewerkschaften. „Und Zeitung lesen, gedruckte Zeitungen. Nicht diese Häppchen-Infos auf flimmernden Bildschirmen.“
AfD-Verbot? Fatales Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur NPD
Interessant, aber nicht weiter vertieft, wird gegen Ende der Veranstaltung die Frage, ob Weiß ein Verbot der AfD befürworte. Die hätte man bereits vor einigen Jahren verbieten sollen, meinte er. Das Material hätte ausgereicht. Kristian Buchna, der für die Stiftung Hambacher Schloss die „Nachlese“ souverän moderierte, ergänzte: Heute heiße es, die AfD sei zu groß, um sie noch zu verbieten. Volker Weiß Antwort: Er halte das Urteil des Bundesverfassungsgerichts beim letzten NPD-Verbotsantrag für einen schweren Fehler. Mit dem Argument, die NPD sei zu unbedeutend, wurde aus einer qualitativen Frage eine quantitative. „Das ist fatal“.
Michael Hansen, Freundeskreis Hamacher Fest 1832

Volker Weiß: DAS DEUTSCHE DEMOKRATISCHE REICH. Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört. Stuttgart: Klett-Cotta 2025, ISBN 978-3-608-96667-1, 288 Seiten, 25 Euro
Inhalt
»Great again!«
Brücken im Ukraine-Krieg
Der Märtyrer – Der Präsident – Das Außenministerium – Der Berater – Der Katechon – Der »russische Taliban« – Dugin im Westen – »Goldgrund Eurasien« – Der europäische Nationalismus und Moskau
Die deutsche Rechte im Ost-Dilemma
Das Erwachen des ukrainischen Nationalismus – Verwirrende Frontverläufe – Abendland im Osten – Ratlos in Schnellroda – Jungeuropa zwischen den Fronten – Tumult im Volkskrieg
Alte Landkarten
Ostpreußens Wiedergeburt? – Grenz-Revisionismus – Deutsch-russische Traditionen – Bis 1989: Aufstand der Völker
»Klasse« statt »Rasse«? Versuche zur Umdeutung des Nationalsozialismus
Die Legende von den »linken Nazis« – Goebbels in Dresden und Magdeburg –
Karriere eines Zitats – Goebbels’ Angriff auf die Linke – Propaganda und Realität – Die Volksgemeinschaft als Arbeitsregime – Das Scheitern der »nationalsozialistischen Linken« –Die Genese des »Deutschen Sozialismus«
Das »Deutsche Demokratische Reich« als antikommunistische DDR-Nostalgie
»Volk« – Der Osten der Rechten – Das Land verlorener Tugenden – Deutschland – ohne »’68« – »Vollende die Wende!« – »Frieden« – Vorwärts in die Vergangenheit! – Sammlung im Osten – Die späte rechte Liebe zur Sowjetunion
Nachwort
Zerbrochene Bilder – Subversion der Subversion
Interview mit Volker Weiß auf dem Hambach-Blog
Im Vorfeld der „Nachlese“ am 6.3.2025 auf dem Hambacher Schloss hatte der Hambach-Blog ein Interview mit Volker Weiß veröffentlicht.
Was sonst noch so los ist in den nächsten Tagen und Wochen …
… findet ihr auf dem Veranstaltungskalender des Hambach-Blogs
https://hambacherfest1832.blog/aktionen-und-veranstaltungen/