Politische Unterdrückung, wirtschaftliche Armut und europäische Solidarität – Zur Vorgeschichte des Hambacher Festes

Teil I des Interviews mit Prof. Wilhelm Kreutz zum Hambacher Fest von 1832

Das Hambacher Fest von 1832 war bis in die 1980er Jahre kaum im Bewusstsein der Bundesrepublik verankert, so die These von Wilhelm Kreutz, Professor am Historischen Institut der Universität Mannheim. Er ist ein ausgewiesener Kenner der demokratischen Bewegungen im Südwesten Deutschlands. Erst langsam wird die Bedeutung des Hambacher Festes für die Demokratiegeschichte Deutschlands klar. Aber was wissen wir wirklich über dieses Fest, das Okkupationsversuchen von Max Otte und seinen AfD-Freunden durch Veranstaltungen auf dem Schloss ausgesetzt ist? In einem umfangreichen, mehrteiligen Interview mit Wilhelm Kreutz soll dieser Frage nachgegangen werden, wohlwissend, dass die vielfältigen Aspekte dieses Festes oft nur angetippt werden können.

Linke Vorbehalte gegen das Hambacher Fest?

Freundeskreis Hambacher Fest: Herr Kreutz, ich will mit dem Verhältnis eher linker Kreise zum Hambacher Fest von 1832 beginnen. Ich höre manchmal deutliche Vorbehalte. Das Fest sei doch in erster Linie eine Veranstaltung für die nationale Einheit gewesen. Kennen Sie diese Reaktionen und was halten Sie davon?

Wilhelm Kreutz: Natürlich gibt es Vorbehalte gegenüber dem nationalen Ziel des Hambacher Fests. Es ist der jüngeren und jüngsten deutschen Geschichte geschuldet, dass die „Linken“, wie auch immer diese abzugrenzen sind, ein gebrochenes Verhältnis zur Nation oder zum Nationalstaat haben, was ich in gewisser Weise auch nachvollziehen kann.

Man muss aber sehen, dass die Forderung nach dem Nationalstaat in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bedeutete: „Weg mit 35 souveränen Fürstentümern“ (und vier freien Städten), „Weg mit der Kleinstaaterei“ und das war für die damalige Zeit durchaus revolutionär. Das wandelte sich leider im weiteren 19. Jahrhundert. Am deutlichsten kann man das sehen an der Teilnahme der Burschenschaften auf dem Hambacher Fest. Die etwa 180 Studenten aus Heidelberg waren 1832 fast komplett auf dem Fest vertreten. Man muss dazu wissen, dass die Burschenschaften bis zur Revolution von 1848 durchaus eine fortschrittliche Rolle einnahmen. Sie traten für Einheit und Freiheit ein. Leider wurde in den folgenden Jahrzehnten die Akzentsetzung dieser Doppelforderung immer mehr verschoben. Einheit wurde immer größer und Freiheit immer kleiner geschrieben. Nach dem gewonnenen Deutsch-Französischen Krieg 1871 schwelgte alles in Einheits-Euphorie und die Hambacher Erinnerungsfeier von 1872 stand ganz im Zeichen dieses Nationalismus. Es gibt also durchaus Gründe, die Vorbehalte auf der Linken zu verstehen.

Ich will aber auch darauf hinweisen und den linken Kritikern Hambachs ins Stammbuch schreiben: Neben der linksliberalen Demokratischen Volkspartei, deren geplante Erinnerungsfeier zum 50-jährigen Jubiläum des Hambacher Festes von den bayerischen Regierungsbehörden verboten wurde, waren es vor allem die Sozialdemokraten, die an der demokratischen Tradition Hambachs festhielten und in ihre Tradition aufnahmen.

Franz Josef Ehrhart (1853-1908)

In der Nacht zum 29. Mai 1882 versuchte der führende Pfälzer Sozialdemokrat Franz Joseph Ehrhart mit einigen Genossen, am Schlossturm eine rote Fahne zu hissen, eine Aktion, die in der Pfalz auf große Resonanz stieß und den Legenden um den „roten Pfalzgrafen“ Ehrhart neue Nahrung gab. Und nicht zuletzt ist es ja Friedrich Ebert gewesen, der erste demokratisch gewählte Präsident Deutschlands, der die Schwarz-Rot-Goldene-Fahne, die Hambach- und Paulskirchen-Fahne, zur Nationalfahne erklärte. Es gibt also durchaus eine Kontinuität von Hambach 1832 in die erste deutsche Republik von 1918/19.

Geschichtlicher Hintergrund

Herr Kreutz, bevor wir auf das Fest selbst eingehen, sollten wir etwas den geschichtlichen Hintergrund der frühen 1830er Jahre abklopfen. Bei mir gibt es einige wenige Jahreszahlen des „langen“ 19. Jahrhunderts, die sich mir eingeprägt haben. Das beginnt mit der Französischen Revolution 1789; in deren Folge ich die Mainzer und die oft vergessene Bergzaberner Republik erwähnen will. 1813 erlitt Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig seine entscheidende Niederlage, was schließlich 1814/15 zum Wiener Kongress führte, bei dem das nach-napoleonische Europa aufgeteilt wurde. Schließlich die Karlsbader Beschlüsse von 1819, die die liberalen Errungenschaften der Französischen Revolution, die nach ganz Europa ausgestrahlt hatten, rückgängig machten. Stattdessen: Polizeistaat, Zensur, Unterdrückung, Bespitzelung. Dann gab es die revolutionären Erhebungen Anfang der 1830er Jahre in Frankreich, Polen, Ungarn, Belgien und anderen europäischen Ländern. Was hat das alles mit dem Hambacher Fest zu tun?

Ich will zunächst auf die politischen Gründe eingehen, insbesondere auf die Sonderstellung der Pfalz seit 1816/1818. Die Pfalz war damals die fortschrittlichste Region im gesamten Deutschen Bund. Das war eine direkte Folge der Französischen Revolution und der Rolle Napoleons. Die Pfalz war ab 1797 faktisch und ab 1801 auch staatsrechtlich Teil Frankreichs und erfuhr eine Modernisierung, die es im rechtsrheinischen Deutschland so nicht gab. Dazu zählen die Bauernbefreiung, die Abschaffung der Erbuntertänigkeit, die freie Ansässigmachung, freie Berufswahl oder die Abschaffung der Zünfte. In der Pfalz konnte man Boden verkaufen, wie man wollte, und es gab das französische Recht, den Code Napoleon, die Mündlichkeit und Öffentlichkeit der Prozesse und Geschworenengerichte.

All das ist auch nach dem Wiener Kongress erhalten geblieben, als die Pfalz an Bayern fiel. Die Pfalz war allerdings in den beiden bayerischen Stände-Kammern in München unterrepräsentiert. Da der Adel durch die napoleonischen Reformen abgeschafft worden war, war der „bayerische Rheinkreis“, also die Pfalz, in der Ersten Kammer kaum vertreten. Und auch in der Zweiten Kammer war man bis 1848 ebenfalls unterrepräsentiert, weil diese ständisch organisiert war. Die Zweite Kammer setzte sich aus fünf Wahlklassen zusammen. Die erste Gruppe war wiederum der grundbesitzende Adel, den es in der Pfalz nicht mehr gab. Da auch eine Universität fehlte, konnten die Pfälzer nur drei Klassen besetzen und deswegen hatte man weniger Abgeordnete als den Pfälzern nach der Bevölkerungszahl zustand. Es wurde – neben den Geistlichen beider Konfessionen – nur Abgeordnete der Städte und der Landgemeinden gewählt. Allerdings gehörten die Pfälzer Abgeordneten von Anfang an ganz überwiegend der liberalen Opposition im Bayerischen Landtag an. Deshalb kam es nach 1830 häufiger vor, dass exponierte Oppositionelle, häufig Rechtsanwälte, der Zugang zum Landtag verweigert wurde. Rechtsanwälte waren Staatsbeamte und diese mussten sich für die Teilnahme an den Kammersitzungen beurlauben lassen, was häufig verwehrt wurde. Oft blieben dann deren Sitze leer, weil die Nachrücker aus Solidarität die Übernahme verweigert hatten.

Die politische Lage spitzte sich ab 1830-1832 zu. Im Zuge der französischen Julirevolution von 1830 schwappte eine revolutionäre Welle nach Belgien, Polen, Ungarn und auch in den Deutschen Bund. Es kam zu Unruhen, z.B. in Kassel und Hannover. In München gab es den „langen, leidigen Landtag“, so Ludwig I. in einem Brief an den Freiherrn von Lerchenfeld. Zum ersten Mal wirkten die Oppositionskräfte zusammen.

Friedrich Schüler
Friedrich Schüler (1791-1873)

Friedrich Schüler, Rechtsanwalt in Zweibrücken und Neuling in der Zweiten Kammer, wurde 1830/31 Vorsitzender des „Finanzausschusses“, wie man heute sagen würde. Dieser Finanzausschuss kürzte die Apanage für Ludwig I. und sperrte Baugelder für die Ludwigstraße in München. Der König war äußerst verstimmt und Schüler wurde in der Pfalz als Held der Opposition gefeiert. Schüler kam im Januar 1832 in die Pfalz zurück. Es gab aus diesem Anlass ein großes Schüler-Fest in Zweibrücken. Auf diesem Fest wurde der Deutsche Press- und Vaterlandsverein aus der Taufe gehoben, der für die Vorbereitung und Durchführung des Hambacher Festes und für die Mobilisierung der demokratischen Kräfte in Deutschland wichtig wurde. Ein weiterer Erfolg der oppositionellen Kräfte in diesem langen und leidigen Landtag war es, den Innenminister Schenk zum Rücktritt gezwungen zu haben, weil man ihm eine Anklage bzw. Amtsenthebung wegen der Verschärfung der Pressezensur androhte.

Kann man denn sagen, dass die Forderung nach Aufhebung der Pressezensur der wesentliche Inhalt des Hambacher Festes war?

Die Auseinandersetzung um die Pressezensur in der Pfalz war sicherlich zentral für die Mobilisierung zum Hambacher Fest. Einer der prominenten Hambacher Redner, Johann Georg August Wirth, kam erst Anfang 1832 von München in die Pfalz, weil ihm gesagt wurde, in der Pfalz würden die Zensurbestimmungen Bayerns nicht gelten. Trotzdem wurde Wirths Zeitung „Deutsche Tribüne“ im März 1832 verboten. Wirth hat dagegen vor dem Appellationsgerichtshof in Zweibrücken erfolgreich geklagt. Die Richter waren der Auffassung, dass die Zensur eine Einschränkung der freien Berufswahl darstelle. Das war ein großer Erfolg, der in Flugblättern massenhaft in der Pfalz verbreitet wurde. Das Oberappellationsgericht Zweibrücken, die höchste gerichtliche Instanz der Pfalz, wurde übrigens nach dem Hambacher Fest nach München verlegt und damit dem Zugriff pfälzischer Juristen weitgehend entzogen.

Wie war denn die wirtschaftliche Situation in der Pfalz vor 1832?

Die wirtschaftliche Situation war, um es vorsichtig auszudrücken, äußerst problematisch und angespannt. Die Pfalz war der bevölkerungsreichste Landstrich des Deutschen Bundes. Und die in der Pfalz herrschende sogenannte Realteilung zusammen mit der freien Verfügbarkeit über Grund und Boden führte zu einer völligen Zerstückelung der landwirtschaftlichen Betriebe und damit einhergehend zu einer großen Armut der Landbevölkerung. Die Pfälzer waren ja die ersten, die schon vor der Französischen Revolution in die USA auswanderten. Während der napoleonischen Zeit war der Weg in die USA wegen der Kontinentalsperre verwehrt, aber ab 1816 setzte die Auswanderungswelle nach Amerika wieder ein. Da die Pfalz auch Freihandelsgebiet war, ist sie nach der napoleonischen Zeit überschwemmt worden mit Fertigprodukten aus Großbritannien. In der Folge brach etwa die pfälzische Tuchindustrie, insbesondere die Heimindustrie mit Webstühlen, zusammen, weil man gegen das vergleichsweise billigere und hochwertigere Tuch aus England nicht konkurrieren konnte. 1828 wurde die Pfalz dann in den württembergisch-hessischen-bayerischen Zollverein einbezogen. Was zum Abbau der Zölle in den anderen Gebieten geführt hatte, führte in der Pfalz dazu, dass nun zahlreiche Mautstationen eingerichtet werden mussten und Wein und Tabak, die wichtigsten Ausfuhrgüter, zu verzollen waren. Die Bayern hatten sogar darauf bestanden, dass der Pfälzer Wein beim Export ins rechtsrheinische Bayern verzollt werden musste, weil sie den fränkischen Wein schützen wollten. Es gab riesige Proteste dagegen und der Schmuggel blühte auf, was natürlich zu strafrechtlichen Verfolgungen führte. „Gegen die Maut“ ist eine ganz wichtige Parole im Vorfeld von Hambach ebenso der Protest der Winzer auf dem Hambacher Fest, auf deren Fahne zu lesen war: „Die Weinbauren müssen trauren“.

Eine weitere Entwicklung, die die ökonomische Situation der Bevölkerung negativ betraf, war die Ökonomisierung des Waldes. Schon in der napoleonischen Zeit wurden Gemeindewälder zum Staatswald erklärt. Viele Pfälzer waren darauf angewiesen, Reisig und Holz zu sammeln und ihre Tiere im Winter in den Wald auf die Winterweide zu schicken. Das war den staatlichen Forstwirten ein Dorn im Auge. Der sogenannte „Forstfrevel“ führte im Vorfeld von Hambach 1832 zu Tausenden von Anklagen.

Diese wirtschaftlichen Gründe sind wichtig dafür, dass so viele Leute 1832 zum Fest gezogen sind. Man kann allerdings deutlich sehen, dass sich die prominenten Hambacher Redner wie Siebenpfeiffer und Wirth von dieser Sozialbewegung deutlich distanzierten. Die sozialkritischen Reden, die die wirtschaftliche Misere der Bevölkerung aufgriffen, wurden nicht in die Veröffentlichung von Wirth über das Hambacher Fest aufgenommen.

Wie war denn die internationale Situation nach der Julirevolution 1830 in Frankreich?

Ganz wichtig für die Mobilisierung zum Fest war der polnische Aufstand ab November 1830, der durch die Intervention der russischen Armee schließlich im Oktober 1831 endgültig gescheitert war. Frankreich hatte sich bereit erklärt, die polnischen Revolutionäre aufzunehmen. Mit Metternich und den deutschen Fürsten wurden zwei Routen festgelegt, auf denen die polnischen Freiheitskämpfer nach Frankreich marschieren konnten. Einer dieser Wege führte durch die Pfalz. Es gab eine große Welle der Hilfsbereitschaft für die Polen, um nicht zu sagen eine richtige Polen-Euphorie. Es gründeten sich Polen-Hilfsvereine, es wurde Geld gesammelt, die Frauen stellten Verbandsmaterial her. Der Polenaufstand und der Durchzug der geschlagenen Polen führten auf jeden Fall zu einer weiteren, umfassenden Politisierung in der Bevölkerung. So ist es keine Überraschung, dass das polnische Komitee auch in Hambach war und dass dort die polnische Fahne gehisst wurde.

Teil 2 des Interviews mit Wilhelm Kreutz behandelt die Mobilisierung zum und den Ablauf des Hambacher Festes von 1832. „Hoch! dreimal hoch das conförderierte republikanische Europa!“

Vierteilige Interviewserie mit Wilhelm Kreutz zum Hambacher Fest 1832

In Teil II, erschienen am 4. April 2019, geht es konkret um die Mobilisierung zum Fest und dessen Ablauf und Ergebnisse: „Hoch! dreimal hoch das conförderierte republikanische Europa!“

Teil III ist am 9.4.2014 erschienen und stellt einige der wichtigsten Akteure des Hambacher Festes vor: Akteure des Hambacher Festes – verfolgt, verurteilt, ins Exil getrieben

Teil IV, am 11.4.2019 veröffentlicht, wird die Bedeutung des Hambacher Festes für die Demokratiegeschichte Deutschlands und die Versuche rechtsnationalistischer Kräfte sich diese Geschichte anzueignen behandelt: „Für die Demokratiegeschichte Deutschlands ist nach 1832 und 1848/49 erst die Revolution von 1918 die nächste wichtige Etappe“

Das Interview führte für den Freundeskreis Hambacher Fest von 1832 Ulrich Riehm.

Die Abbildungen von Franz Josef Ehrhart und Friedrich Schüler sind der Wikipedia entnommen.

Zur Person

Wilhelm Kreutz ist in Beindersheim in der Pfalz geboren, hat am Carl-Bosch-Gymnasium in Ludwigshafen sein Abitur gemacht und dann an der Universität Mannheim Germanistik, Geschichte und Politische Wissenschaften studiert. Auf die Promotion 1982 zu einem Thema über Ulrich von Hutten folgte zehn Jahre später die Habilitation über „Revolution – Reform – Reaktion. Regierungspolitik und Parlamentarismus im nachmärzlichen Bayern”. Seit 2014 ist Kreutz außerplanmäßiger Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Mannheim, Vorsitzender der Hambach-Gesellschaft und stellvertretender Vorsitzender des Mannheimer Altertumsvereins von 1859.

Er hat für die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz die umfangreiche und informative Broschüre „Hambach 1832 – Deutsches Freiheitsfest und Vorbote des europäischen Völkerfrühlings“ verfasst.

Wilhelm Kreutz: Hambach 1832. Deutsches Freiheitsfest und Vorbote des europäischen Völkerfrühlings, 4. Auflage. Mainz: 2016

Die Broschüre kann bei der Landeszentrale für politische Bildung in Mainz bestellt werden.