Es geht um’s Ganze!

An die 200 TeilnehmerInnen waren am Pfingstsonntag 2026 bei brütender Hitze nach Hambach auf den Platz vor dem alten Rathaus gekommen, um an der Kundgebung der Initiative „Neustadt bleibt bunt“ und der Abschlusskundgebung zum „Solidarischen Frühling Neustadt“ teilzunehmen. Der Hambach-Blog dokumentiert in loser Folge, die Reden, die auf dieser Kundgebung gehalten wurden. Bisher wurden veröffentlicht:

Es folgt die Rede von Claudia Dorka, Künstlerin & Coach, stellv. Ortsvorsteher in Hambach

Redebeitrag von Claudia Dorka am 24.5.2026 bei der Abschlusskundgebung zum „Solidarischen Frühling ‘26“ auf dem Platz vor dem ehemaligen Rathaus in Hambach

Es geht um’s Ganze.

Feine Zurückhaltung war gestern.

Devise: Einmischen. Aufmischen. Mitmischen.

Ich will, dass Deutschland eine moderne pluralistische Gesellschaft bleibt.

Ich stehe ein für Diversität, liberale Grundwerte, kulturelle Vielfalt und Chancenvielfalt.

Als Frau Jahrgang 1965 weiß ich, was es bedeutet, wenn auch nur einer dieser Bausteine als gesellschaftliche Realität fehlt. Der weltweite Frauenanteil liegt bei 49,7%. In Deutschland sogar bei 51,1 %. Also gehöre ich zur einen Hälfte der Bevölkerung und doch als Frau auch zur größten Minderheit der Welt.

Ich weiß, was Ausgrenzung, Abwertung, Anfeindung bedeutet.

Ich lese von Rechtspopulisten und von der AFD wieder davon, dass Feministinnen alle hässlich und grässlich seien; dass eine richtige Frau schmal und devot sein müsse. Und das zur Weiblichkeit die Mutterschaft gehöre. Das sei es, was rechte Männer inspiriere. Und es ist mal wieder en vogue lässig fallen zu lassen, dass eine Frau, die vergewaltigt wurde, bestimmt einen zu kurzen Rock getragen habe.

Und dann höre ich, ach lass sie doch, die meinen das nicht so.

Oh doch. Die meinen das genau so, wie sie es sagen.

Egal, ob es um Frauen, queere Menschen, Migrantinnen oder solche, die dafür gehalten werden, sogenannte Linksgrünversiffte oder Minderheiten anderer Art geht.

Sie meinen das und vieles andere genau so wie sie es sagen.

Auch, dass die Pläne für einen Massenaustausch der Gesellschaft schon längst geschrieben seien.

Auch, dass Hitler und die Nazis nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte seien.

Auch, dass wir immer im Stadtbild noch dieses Problem hätten.

Ja. Sie meinen genau das, was sie sagen!

Klar ist auch, dass, die, die sich als besorgte, kümmernde und volksverstehende Mehrheit gerieren, tatsächlich noch eine radikale, weiße, meist männliche, Minderheit ist.

Viele, die heute hier stehen, gehören vielleicht nicht zu den Ersten, die ins Visier dieser radikalen Minderheit geraten. Aber ich möchte weder zu den Ersten noch zu den Letzten gehören.

Wer bei all dem was öffentlich gesagt und geschrieben wird, die drei Affen gibt – Ich sehe nichts. Ich höre nichts. Ich sage nichts. – hilft diesen Brandstiftern und Brandstifterinnen eine weltoffene, humane und faire Gesellschaft abzufackeln.

Claudia Dorka, 24.5.2026 Hambach (Foto: privat)

Ich bin aufgewachsen in einer Zeit mit der klaren Ansage an uns Junge und auch an die Alten:

„Nie Wieder!“

Meine Großeltern waren junge Erwachsene als die Nazis an die Macht kamen.

Waren sie im Widerstand? Nein. Wäre ich in den Widerstand?

Diese Frage, was hätte ich getan, wenn … hat mich bis heute nicht verlassen. Und ich bin ganz ehrlich: mir wäre hier und heute eine hypothetische Frage auch lieber. Aber ich weiß, ich habe heute nicht mehr den Luxus, mich zu fragen, was ich an Stelle meiner Großeltern gemacht hätte.

Wer morgen nicht in blau-braun-dunkler Nacht aufwachen möchte, muss heute handeln.

Einmischen. Aufmischen. Mitmischen.

Wenn wir mit dem Widerstand warten bis die Minderheit die Mehrheit gekapert hat, bedarf das aktive Gestalten und Verändern ein Vielfaches mehr an Chuzpe als heute.

Ich möchte in einer bunten, vielfältigen, respektvollen Gesellschaft leben.

Politische Beteiligung, Veränderungswille und Widerstand kann ich nicht delegieren.

Es geht um’s Ganze.

Und dafür brauche ich Mut um mutig zu sein.

Und Solidarität.

Und Gemeinschaft.

Und Mitstreiterinnen und Mitstreiter.

Und ganz gewiss keine demokratischen männlichen Helden auf Denkmälern, wie Kulturstaatsminister Wolfram Weimer neulich noch im Hambacher Schloss forderte – als seine persönliche Vision zur 200-Jahrfeier des Hambacher Fests 2032.

Oh nein.

Kein Denkmal.

Kein männlicher Held.

Keine Symbolpolitik.

Stattdessen: Ärmel hoch und machen.

Widersprechen.

Laut werden.

Klare Kante zeigen.

Es geht um’s Ganze.

Wir sind in diesem Widerstand keine Minderheit

Wir sind viele.

Wir sind bunt.

Wir können was bewegen.

Wir werden was bewegen.

Wir bewegen.

Vor allem dann, wenn wir in diesem Widerstand geeint bleiben.

Auch das lehrt die Geschichte.

Ich bin mir ganz sicher, dass sich hier auf diesem Platz so viel verschiedene Welt- und Lebensauffassungen finden lassen, wie sich Menschen versammelt haben.

Und doch eint uns eines: Wir wollen in einer bunten, vielfältigen, liberalen, menschenfreundlichen Gesellschaft leben.

Es kann sein, dass wir nicht in allem übereinstimmen werden.

Macht nichts.

Lasst uns reden.

Lasst uns herausfinden, wie wir uns austauschen möchten.

Lasst uns lernen, wie wir uns zuhören können.

Lasst uns gemeinsam unseren Widerstand in die Welt bringen.

Ja, bequem geht anders.

Wir werden anderer Meinung sein.

Wir werden unterschiedlicher Auffassung sein.

Wir werden uns nicht in allem einig werden können.

Macht nichts.

Was uns verbindet, ist wichtiger als mögliche kleine Unterschiede.

Was uns eint, hat mehr Gewicht, als das was uns trennt.

In diesem Sinne:

Einmischen. Aufmischen. Mitmischen.

Es geht um’s Ganze!

Claudia Dorka, Künstlerin & Coach, stellv. Ortsvorsteherin Hambach

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