Rede von Wilhelm Kreutz zu den sozialen und politischen Voraussetzungen, die zum Hambacher Fest von 1832 geführt haben. Wilhelm Kreutz hielt diese Rede am 24.5.2026 vor dem alten Rathaus in Hambach bei der Kundgebung für Demokratie und Vielfalt: „Bleibt bunt!“
Die folgenden Beiträge dieser Kundgebung wurden bereits auf dem Hambach-Blog veröffentlicht:
- Steffi Karbach: Einigkeit und Recht und Freiheit …
- Engagierten Jugend Neustadt (EJN) und Regionales Bündnisses gegen Rechts Neustadt: Die Weinstraße bleibt bunt, solidarisch und antifaschistisch
- Claudia Dorka: Es geht um’s Ganze

Liebe Freundinnen und Freunde des Hambacher Fests,
auch ich möchte Sie in Hambach begrüßen, wo fast auf den Tag genau vor 196 Jahren 20.000 bis 30.000 Patriotinnen und Patrioten hinauf zum Schloss zogen. Aufschlüsse über ihre Beweggründe und Motive gibt der Bericht des bayerischen Innenministers, Fürst von Oettingen-Wallerstein, der Anfang Juni 1832 die Situation so kommentierte:
„Der Rheinkreis, von einem leicht reizbaren Volke bewohnt, infolge der unbedingt freien Ansässigmachung mehr als jeder andere Teil Deutschlands übervölkert und mehr als jeder mit unbemittelten Massen versehen, einen tüchtigen Stamm alter Jakobiner besitzend, frei wie wenige Länder, überdies durch seine unbegreifliche Zwittergesetzgebung und durch die Stimmung seiner Gerichte mehr als jedes andere Bundesgebiet die politischen Verbrecher schirmend, war und ist offenbar als Brennpunkt anzusehen“.
Klammern wir die Fragen nach der leichten Reizbarkeit der Pfälzer aus, so nennt der Rapport Oettingen-Wallersteins die wichtigsten politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ursachen beim Namen: zum einen die Übervölkerung, die seit dem 18. Jahrhundert den Strom der Auswanderer in die USA ebenso wenig abreißen ließ wie in die Donaumonarchie, allen voran nach Ungarn und Rumänien; hinzu kamen die Massenarmut und die drückenden wirtschaftlichen Verhältnisse, die nach 1828, dem Abschluss des württembergisch-bayerischen Zollvereins, den Export von Wein und Tabak stocken und den Schmuggel aufblühen ließen; zum anderen die Besonderheit der politischen und juristischen „Institutionen“.
Von 1797 bis 1814 war das linke Rheinland Teil Frankreichs und die Errungenschaften der französischen Revolution hatten nach dem Anschluss der Pfalz an Bayern überwiegend Bestand. Zu den Neuerungen zählten: entschädigungslose Bauernbefreiung, freie Verfügbarkeit über Grund und Boden, freie Ansässigmachung, vollständige Gewerbefreiheit, Freihandel, Trennung von Justiz und Verwaltung, Unabhängigkeit der Rechtspflege, Geschworenengerichte sowie Öffentlichkeit und Mündlichkeit der Gerichtsverfahren. Die Fortdauer der „Institutionen“ war im Anhang zur Verfassungsurkunde vom 26. Mai 1818 garantiert, sofern sie deren Bestimmungen nicht widersprachen. Trotz dieser schwammigen Formulierung feierten die Pfälzer die Verfassung als „Magna Carta Libertatum“, als „große Urkunde ihrer Freiheiten“. Damit war die Pfalz der fortschrittlichste Kreis des gesamten Deutschen Bunds.

Aber der Fortschritt hatte seinen Preis. Die Pfälzer waren in den parlamentarischen Vertretungen Bayerns benachteiligt. Da im Rheinkreis Standesherren fehlten, waren die Pfälzer in der Ersten Kammer, der Ständekammer, nur punktuell vertreten. Da es überdies keine Universität und keine adligen Grundherrn mit eigener Gerichtsbarkeit gab, konnten nur in drei der fünf Wahlklassen pfälzische Abgeordnete in die Zweite Kammer gewählt werden. Diese Benachteiligungen steigerten den Oppositionsgeist der pfälzischen Wähler, sodass sich bei allen Wahlen einheimische Kandidaten der liberalen oder liberal-demokratischen Opposition, allen voran Rechtsanwälte, durchsetzten. Die wirtschaftlichen Freiheiten vergrößerten die wirtschaftliche Not, denn die freie Verfügbarkeit über Grund und Boden verstärkte die Zersplitterung der – durch die traditionelle Realerbteilung – ohnehin schon kleinbäuerlichen Betriebe. Zwar konnten in der Vorderpfalz die Nachteile durch den Anbau von Wein oder Tabak weitgehend wettgemacht werden, aber in den weniger fruchtbaren Regionen der Nord- und Westpfalz kehrten zehntausende Wirtschaftsflüchtlinge ihrer Heimat den Rücken.
Überdies hatten der Staat den Wald als einträgliche Finanzquelle entdeckt und seither zählte die Forstwirtschaft zu seinen bevorzugten Aufgaben. Er verbot die traditionellen Waldnutzungsrechte der Dorfbewohner und dies ließ Ende der 1820er Jahre die Zahl der wegen Forstfrevels angeklagten Pfälzer auf knapp 100.000 anwachsen bei einer Gesamtbevölkerung von etwas über 500.000 eine beachtliche Zahl.
Hinzu kam die hohe steuerliche Belastung der Pfälzer: Bayern erhob bis zum Oktober 1831 die französische Kriegssteuer, die Grundsteuer war in der Pfalz zweimal, die Familien- bzw. Personalsteuer sowie die Gewerbesteuer waren viermal höher als in den bayerischen Stammlanden. All dies vermehrte die Klagen über die wirtschaftliche Aussaugung der Pfalz.
Nicht übersehen werden darf allerdings auch, dass es seit der französischen Julirevolution von 1830, in ganz West- und Mitteleuropa zu Aufständen und Protesten kam. Die entscheidenden Impulse ging jedoch von der blutigen Niederschlagung des polnischen Aufstands aus, denn der Durchzug tausender polnischer Emigranten, die Anfang 1832 ins französische Exil marschierten, politisierte die Bevölkerung, allen voran in der Pfalz, wo im Januar und Februar 1832 die Gemeinden die geschlagenen polnischen Freiheitskämpfer emphatisch feierten.

In München wuchs sich 1830/31 der Landtag zum „langen und leidigen“ aus. Zum Helden der pfälzischen Opposition avancierte der Zweibrücker Rechtsanwalt Friedrich Schüler, bei dessen triumphalen Empfang der „Preß- und Vaterlandsverein“ zur Unterstützung der liberalen Presse und Journalisten gegründet wurde. Fünf Tage später verkündete eine in 50.000 Exemplaren verbreitete Flugschrift Johann Georg August Wirths mit dem Titel „Deutschlands Pflichten“ die Gründung des nicht nur in der Pfalz rasch wachsenden Preß- und Vaterlandsvereins. Es folgten regierungsamtliche Verbote, die jedoch die Zweibrücker Richter aufhoben, da sie den Paragraphen des „Code Napoléon“ widersprachen, mit dem die bayerischen Juristen keinerlei Erfahrung hatten. Dieses Wechselspiel setzte sich fort, nachdem Philipp Jakob Siebenpfeiffer für den 27. Mai 1832 zu einem Fest auf dem Hambacher Schlossberg einlud. In rascher Folge wechselten Verbote, Wiederzulassungen und schließlich gar die Empfehlung an die bayerischen Beamten, am Fest teilzunehmen. Der Triumph der Opposition war groß: Noch vor Beginn des Fests hatten der Wankelmut und der Zick-Zack-Kurs der Behörden die Mobilisierung der Öffentlichkeit gesteigert. Und im Hochgefühl dieses Siegs machten sich Tausende – Taglöhner, Bauern, Handwerker, Ärzte, Rechtsanwälte und nicht zuletzt Abordnungen der Burschenschaften auf den Weg nach Hambach, um geschmückt mit schwarz-rot-goldenen Kokarden hinauf, hinauf zum Schloss zu ziehen, wo zum ersten Mal eine schwarz-rot-goldene Fahne mit der Losung „Deutschlands Wiedergeburt“ im Wind flatterte. 21 Redner kamen teilweise mehrmals zu Wort.

Friedrich Schüler (1791-1883) 
Johann Georg August Wirth (1798-1848) 
Philipp Jakob Siebenpfeiffer (1789-1845)
Aber warum gebührt ihren Forderungen noch immer ein besonderer Platz in unserer Erinnerungskultur und was bedeuten die Ziele der Hambacher, die Trias von „Freiheit, Einheit und Europa“ für uns heute?
Eine Antwort hat vor 56 Jahren der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann anlässlich der Bremer Schaffermahlzeit gegeben: Traditionen seien nicht das Privileg konservativer oder reaktionärer Kräfte, auch wenn diese gerade seit einigen Jahren wieder am lautesten von ihnen sprächen oder nach ihnen schrien, sondern man müsse „in der Geschichte unseres Volkes nach jenen Kräften spüren und ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen, die dafür gelebt und gekämpft haben, damit die Deutschen politisch mündig und moralisch verantwortlich ihr Leben […] selbst gestalten“ könnten.
Darüber hinaus haben die Hambacher Forderungen, besonders jene nach der Freiheit der Rede und der Presse, in den letzten Jahren eine lange Zeit für unmöglich gehaltene Konjunktur erfahren; in vielen Ländern werden Journalistinnen und Journalisten heute ebenso wie die Hambacher damals verurteilt, ins Gefängnis geworfen oder ins Exil gezwungen. Dies hat jedoch nichts zu tun mit der von der politischen Rechten laufstark beklagten „cancel culture“. Der Klage, dass man heute nicht mehr alles sagen dürfe, denn niemand von ihnen drohen Rede- oder Publikationsverbote oder gar existenzgefährdende Strafen.
Wir teilen heute weder die Hoffnung Wirths, die moralische Kraft der freien Presse reiche aus, um die nationale Einheit und eine liberale Gesellschaft herbeizuführen, noch die naive Hoffnung der Dürkheimer Winzer, die ebenso kurz wie idealistisch formulierten:
„Die freie Presse, Brüder, sie soll leben
Sie macht vom Zoll uns frei
Denn wo man darf die Stimme frei erheben
Kommt alles noch in Reih!“.
Wir erleben gegenwärtig, dass durch die freie Meinungsäußerung allein leider „nicht alles in die Reih kommt“, sondern in den asozialen Medien Freiheits- und Menschenrechte mit Füßen getreten werden und rassistische Hetze fröhliche Urständ feiert.

Dem Hambacher Fest von 1832 fehlt der Antisemitismus, der beim Wartburgfest 1817 ins Kraut schoss. Kein Wunder, dass das Wartburgfest von rechts besonders gefeiert wird. Der aus Paris angereiste deutsch-jüdische Schriftsteller Ludwig Börne, der auf besondere Einladung Siebenpfeiffers und Wirths bereits am 24. Mai in Neustadt eintraf, wurde mit großem Jubel empfangen. Ebenso fehlten fremdenfeindliche Ressentiments, sieht man von Johann August Georg Wirths im Vorfeld geäußerten antifranzösischen Vorurteilen ab. Gerade Wirth, der erst Anfang 1832 zugereiste Franke, verkannte den Stolz der Pfälzer auf ihre französischen Institutionen und die Verbindungen der pfälzischen Liberalen mit ihren französischen Kollegen, wie die Anwesenheit der Mitglieder der Straßburger „Gesellschaft der Volksfreunde“ oder das parallele Fest des „Preß- und Vaterlandvereins“ in Paris belegen.
Dass in Hambach die Trikolore gehisst wurde, neben schwarz-rot-goldenen auch die französischen Farben blau-weiß-rot als Kokarden getragen wurden und im Umfeld von Hambach in vielen pfälzischen Orten wie zu Zeiten der Großen Französischen Revolution Freiheitsbäume errichtet wurden, unterstreicht, wie lebendig damals die revolutionären Traditionen noch waren. Vergessen wir dabei nicht, dass der Gedanke der „einen und unteilbaren Nation“ – „la nation une et indivisible“ – ebenfalls in Paris geboren wurde, als im Juni 1789 der Dritte Stand sich zur „Nationalversammlung“ – zur „assemblée nationale“ – erklärte.
Die Forderung nach nationaler Einheit spiegelte nicht nur in den Augen der 35 regierenden Fürsten des Deutschen Bunds, sondern auch der katholischen Kirche das revolutionäre Prinzip der Umsturzpartei wider. Nicht zuletzt schloss sie die Forderungen nach Volkssouveränität, nach unveräußerlichen Menschenrechten und einem frei gewählten nationalen Parlament, ein. Und nicht zuletzt war der Ruf nach Einheit eng verbunden mit dem nach einem „conföderierten Europa“, einem „Europa der Völker“.
Siebenpfeiffer schloss seine Eröffnungsrede mit der Losung:
„Es lebe das freie, das einige Deutschland! Hoch leben die Polen, der Deutschen Verbündete! Hoch leben die Franken, der Deutschen Brüder … Hoch lebe jedes Volk, das seine Ketten bricht und mit uns den Bund der Freiheit schwört! Vaterland – Volkshoheit – Völkerbund hoch!“
Dem ist auch heute nichts hinzuzufügen.
Prof. Dr. Wilhelm Kreutz ist Historiker an der Universität Mannheim und Vorsitzender der Hambach Gesellschaft für historische Forschung und politische Bildung e.V.
Vgl. u.a. Wilhelm Kreutz: Das Hambacher Fest. Politischer und sozialer Protest im deutschen Südwesten. Mainz 2007 (Veröffentlichung der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz).
Auf dem Hambach-Blog ist ein mehrteiliges Interview mit Wilhelm Kreutz zur Geschichte des Hambacher Festes veröffentlicht: „Das Hambacher Fest von 1832 war bis in die 1980er Jahre kaum im Bewusstsein der Bundesrepublik verankert“
2025 hat Kreutz beim Solidarischen Frühling Neustadt ’25 einen Vortrag gehalten, der auch auf dem Hambach-Blog dokumentiert ist: „Hambach und seine politischen Falschmünzer“

