Max Otte preist Vera Lengsfeld

Rückblick auf das dritte sogenannte neue Hambacher Fest von Max Otte am 10.7.2020

Am 10.7.2020 veranstaltete Max Otte zum dritten Mal sein sog. neues Hambacher Fest auf dem Hambacher Schloss. Was wissen wir darüber und wie hat sich die Neustadter und regionale Zivilgesellschaft dazu verhalten? Das soll in dem folgenden Beitrag beleuchtet werden.

AfD-Prominenz auf dem Hambacher Schloss

An Max Ottes drittem sogenannten neuen Hambacher Fest am 10.7.2020 auf dem Hambacher Schloss hatten nur ca. 70 Personen teilgenommen. Das lag vor allem an den Corona-Auflagen. Aber auch der Eintrittspreis von 195 Euro war nicht wirklich günstig. Am Preis wird auch deutlich, an wen Otte sich wendet und wer sein Publikum und seine Anhänger sind. (Zur Vorgeschichte dieses Treffens vgl. Max Ottes schwarzbrauner Hambacher Test 2020.)

Hambacher Schloss am 10.7.2020 (Foto: privat)

Per Tweet gaben sich die AfD-Bundestagsabgeordneten Tino Chrupalla, Frank Pasemann, Harald Weyel, Nicole Höchst sowie Mariana Harder-Kühnel als begeisterte Teilnehmer („ein toller Tag“) und Freunde Max Ottes und seines Hambach-Treffens zu erkennen. Tino Chrupalla ist neben Jörg Meuthen (der 2018 als Redner bei Ottes Veranstaltung auf dem Schloss reden durfte) Ko-Vorsitzender der AfD. Gegen Frank Pasemann, AfD-Mitglied aus Sachsen-Anhalt mit deutlichem Rechtsdrall, wurden bereits zwei Ausschlussanträge gestellt.

Markus Krall, der sowohl 2018 als auch 2019 auf Ottes schwarz-braunem Treff einer der Starredner war, entschuldigte sich für seine diesjährige Nichtteilnahme per Twitter: „Es ist schade, dass ich dieses Mal nicht dabei sein kann. Aber auch ich brauche irgendwann mal Urlaub … Ihr, lieben Freunde, steht in der wahren Tradition Hambachs, die Linken sind die Usurpatoren.“ Otte antwortete: „… Danke, lieber Markus Krall! Ihr Urlaub ist hoch verdient. #Freiheit.“

Ottes „#Freiheit“-Gruß könnte man fast ironisch interpretieren, wenn es nicht so todernst gemeint wäre. Denn Markus Krall bringt es fertig, in seinen zahlreichen Auftritten als Redner das Wort „Freiheit“ fast in jedem seiner Sätze unterzubringen. Nach Krall muss die „Freiheit“ immer wieder mit dem „Blut von Patrioten“ – so in seiner Hambacher Rede 2018 – verteidigt bzw. erkämpft werden. Und da wir, so Krall, bereits einem „stillen Staatsstreich“ der Geheimdienste unterworfen wurden, ist klar, dass die Freiheit im Krallschen Sinn verloren gegangen ist. Und konsequent stellt er die Frage nach der „bürgerlichen Revolution gegen die neofeudalistischen Sozialisten“ – zu denen er auch Merkel zählt.

Ottes Preis für Vera Lengsfeld

Vera Lengsfeld hatte eine beachtliche Rolle in der oppositionellen Bewegung der DDR. Zunächst Mitglied der SED wurde sie wegen Mitarbeit in der Bürgerrechtsbewegung und wegen Kritik an der Aufstellung von mit nuklearen Sprengköpfen bestückten SS-20-Mittelstreckenrakten der Sowjetunion 1983 aus der SED ausgeschlossen.

1990 wurde sie in die erste und letzte frei gewählten Volkskammer der DDR als Mitglied der „Grünen Partei in der DDR“ gewählt. Mitglied des ersten gesamtdeutschen Bundestags für Bündnis 90/Grüne wurde sie im Oktober 1990 und erneut 1994. 1996 wechselte sie unter Beibehaltung ihres Bundestagsmandats zur CDU. Ihre (ehemalige) Mitgliedschaft bei Bündnis 90/Grüne und der CDU verschweigt sie übrigens in ihrer Biografie auf ihrer Website.

Ihre Preisrede auf dem Hambacher Schloss am 10.7.2020 ist verschiedentlich im Internet nachzulesen. Sie ist nicht nur ein Beispiel von Versatzstücken schlechter Rhetorik, sondern zeigt auch ihre völlig verblendete Realitätswahrnehmung und die Muster rechter Lügenpropaganda.

Vera Lengsfeld sieht sich in einem Land, das von Eindringlingen „politisch-korrekter“ Ideologen besetzt ist, die die Macht in Händen halten. Das ist starker Tobak. Die von einer breiten Mehrheit demokratisch gewählte Regierung wird als „Eindringling“ und „Besatzer“ diffamiert. Da klingt verdächtig nach „volksfremden Elementen“, eine Kategorisierung, die die Nationalsozialisten u.a. den Deutschen jüdischer Abstammung anhängten.

Lengsfeld phantasiert sich, um ihren Opferstatus zu erhöhen, in eine neuartige Diktatur hinein, die in Deutschland herrsche. Die Herrschenden in den westlichen Demokratien hätten aus der friedlichen Revolution von 1989 gelernt, dass keine Diktatur ewig währt. Ihre Schlussfolgerung war, „dass ihnen ein ähnliches Schicksal blühen könnte“. Doch die Machtmittel der Diktaturen des 20. Jahrhunderts – Lager, Gefängnisse und Ermordung – waren, so Lengsfeld weiter, gründlich delegitimiert. „Es musste nach subtileren Unterdrückungsinstrumenten gesucht werden.“ Die fand man im Nachlass der DDR-Diktatur: Die Zersetzungsmethoden der Stasi. Die würden nun bei uns von den „Herrschenden“ angewandt, legt sie nahe.

Verwirrung stiften und Fehlinformationen verbreiten, das gehört zu den Methoden von Vera Lengsfeld.

Lengsfeld entblödet sich nicht zu behaupten, dass es inzwischen polizeilich untersagt wäre, „allein mit einem Grundgesetz in der Hand auf einem öffentlichen Platz zu stehen“. Das sind so Geschichten, an denen sich „Querdenker“, „Crash-Propheten“, „AfDler“ etc. aufputschen können, auch wenn daran nichts stimmt. Diese Lügengeschichte bezieht sich auf eine öffentliche Versammlung in Berlin, die nicht angemeldet war, und gegen die deshalb die Polizei einschritt. Dass das mit dem öffentlichen Tragen des Grundgesetzes zu tun hatte oder dass das öffentliche Tragen des Grundgesetztes generell „polizeilich verboten“ sei, ist ein AfD-Märchen, das Lengsfeld gerne weiterträgt. Auch andere Teile ihrer Rede entsprechen nicht den Tatsachen.

Interessant auch ihre Einschätzung der Jugend in Deutschland. Das sei eine „verhätschelte Wohlstands-Generation“, vermeide „die Kollisionen mit unangenehmen Ideen und scheint auch ihren Anspruch aufgegeben zu haben, überhaupt etwas zu lernen“. Diese die gesamte Jugend pauschal diffamierende Wertung ist wohl davon motiviert, dass die Schülerinnen und Schüler, die Studierenden, die Jugendlichen nicht Vera Lengsfelds abstrusen Ideen folgen, sondern ihre eigenen Wege gehen.

Wer nahe legt, Deutschland im Jahr 2020 sei eine Diktatur, wenn auch mit subtilen Methoden, der verhöhnt nicht nur die Opfer der stalinistischen und nationalsozialistischen Diktaturen in Deutschland, sondern für den ist der Schritt zum „Widerstand“ und „Systemwechsel“, wie es Ottes Freund Markus Krall predigt, nicht weit, auch wenn Lengsfeld diesen Gedanken in ihrer Rede auf dem Hambacher Schloss 2020 so nicht formuliert hat.

Dass sich Vera Lengsfeld zum Opfer der „Political Correctness“ stilisiert, gehört zum gängigen Muster. Die „politisch-korrekten Schwächlinge“ würden die freie Rede mit aller Macht unterdrücken. Dabei ist es doch ganz einfach: Eine Mehrheit teilt den Unsinn ihrer Aussagen nicht. Das gefällt ihr nicht, ist aber ein Zeichen von Meinungsfreiheit.

Die Redner des Hambacher Festes von 1832 wurden verfolgt, verurteilt, ins Gefängnis gesteckt oder mussten ins Ausland fliehen. In der DDR wurde Vera Lengsfeld ebenfalls verhaftet und ins Ausland vertrieben. Gibt es irgendein Anzeichen, dass eine Vera Lengsfeld für ihre Wahnvorstellungen staatlich verfolgt würde, dass sie nicht sagen und schreiben kann, was sie zusammen phantasiert? Sogar die Polizei der „BRD-Diktatur“ hat ihre dubiose Preisrede am 10.7. auf dem Hambacher Schloss „geschützt“ – vom wem auch immer eine Bedrohung ausgegangen sein sollte.

Erklärung gegen das dritte sogenannte „neue Hambacher Fest“

Initiiert vom „Freundeskreis Hambacher Fest von 1832“ ist es in kurzer Zeit gelungen, eine Erklärung gegen Max Ottes schwarz-braune Versammlung am 10.7.2020 mit breiter Unterstützung aus der Region zu veröffentlichen.

In der Erklärung heißt es u.a. „Otte versucht mit seinem ‚Fest‘, ein rechtes Bündnis zu schmieden, das von den konservativen Strömungen in der CDU/CSU und Werteunion über die AfD bis zu offen rechtsextremistischen und gewaltbereiten Kräften reicht. Für Letzteres steht etwa Markus Krall, den Otte schon zweimal auf seine Hambach-Veranstaltungen als prominenten Redner geladen hatte. Krall fordert eine ‚bürgerliche Revolution‘, für die das ‚Blut von Patrioten und … Tyrannen‘ fließen muss.“

Aus dem Kulturbereich der Region haben diese Erklärung u.a. die Sängerin und Trägerin des Mannheimer Bloomaul-Ordens Joana Emetz, der Gitarrenvirtuose Claus Boesser-Ferrari, der Comedian Dr. Christian „Chako“ Habekost, der politische Liedermacher Bernd Köhler oder der Heidelberger Grafiker Klaus Staeck gezeichnet.

Bemerkenswert ist die parteiübergreifende Unterstützung aus der Politik. Sowohl die beiden Neustadter Landtagsabgeordneten Dirk Herber (CDU) und Giorgina Kazungu-Haß (SPD) als auch die Bundestagsabgeordneten für den Wahlkreis Neustadt/Speyer Isabel Mackensen (SPD) und Johannes Steiniger (CDU) haben die „Erklärung“ unterzeichnet. In Neustadt selbst fand die „Erklärung“ ein breites, zustimmendes Echo u.a. beim Bürgermeister von Neustadt, Ingo Röthlingshöfer (CDU), der Beigeordneten Waltraud Blarr (Bündnis 90/Die Grünen) sowie Neustadter Stadträten aller Fraktionen und Gruppierungen (Bündnis 90/Die Grünen, CDU, FDP, FWG, Die Linke, SPD).

Auch von der rechtsrheinischen, badischen Seite der Kurpfalz findet man auf der UnterstützerInnenliste einige Mannheimer Gemeinderäte, den Landtagsabgeordneten für Mannheim, Dr. Stefan Fulst-Blei (SPD), den Bundestagsabgeordneten und stellvertretenden CDU-Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat der Stadt Mannheim, Nicolas Löbel, den Bundestagsabgeordneten für die SPD in Heidelberg/Weinheim, Lothar Binding, sowie die ehemalige Heidelberger Oberbürgermeisterin Beate Weber-Schuerholz.

Und wie beim Hambacher Fest von 1832 ist unter den Männern und Frauen eine breite Palette von Berufen vertreten, etwa Ärzte, Gewerbe- und Handeltreibende, Handwerker, Journalisten, Juristen, Pfarrer, Winzer und viele andere.

Die komplette Liste der Unterzeichnerinnen, die am 10.7. abgeschlossen wurde, findet man hier.

Regionales Bündnis gegen Rechts mit Infostand in Neustadt

Das Regionale Bündnis gegen Rechts in Neustadt führte am Nachmittag des 10.7. in der Neustadter Innenstadt einen Infostand durch, mit dem es über Max Ottes dritte Veranstaltung aufklärte und Unterschriften unter dem Neustadter Appell sammelte, der sich an Bundespräsident Frank Steinmeier richtet. Diese Aktion fand reges Interesse bei der Neustadter Bevölkerung.

Infostand des Regionalen Bündnisses gegen Rechts am 10.7.2020 in Neustadt (Foto: privat)

Das Bündnis hatte des Weiteren in einem Flugblatt dazu aufgerufen, sich persönlich an den Stiftungsvorstand Minister Wolf zu wenden, und den eigenen Protest gegen Ottes Missbrauch des Hambacher Schlosses zum Ausdruck zu bringen.

Kundgebung des „Freundeskreises Hambacher Fest von 1832“ am Schloss

Der Freundeskreis hatte sich zwei Tage vor dem 10.7. kurzfristig entschlossen, direkt vor dem Hambacher Schloss „Flagge“ zu zeigen und eine Kundgebung angemeldet. Es war klar, dass das keine Massenveranstaltung werden konnte. Immerhin waren TeilnehmerInnen aus Karlsruhe, Heidelberg, Mannheim sowie Hambach aktiv dabei. Einige Plakate konnten aufgehängt und vor allem Flugblätter mit der „Erklärung“, die sich konkret an die „normalen“ Besucher des Hambacher Schlosses und seiner Demokratieausstellung richteten, verteilt werden. Dies führte zu angeregten Diskussionen, in denen von den BesucherInnen u.a. die Verwunderung über Ottes Veranstaltung auf dem Schloss und die damit verbundene Polizeipräsenz zum Ausdruck gebracht wurde.

Ausblick

Otte wird auch 2021 wieder nach Neustadt und auf das Hambacher Schloss kommen wollen. Die in kurzer Zeit erreichte breite Unterstützung für die „Erklärung“ gegen Ottes Missbrauch des Hambacher Festes hat gezeigt, dass sowohl in Neustadt als auch in der gesamten Metropolregion das Potenzial der Otte Gegner groß ist.

Es wäre ein starkes öffentliches Zeichen, wenn der Neustadter Stadtrat parteiübergreifend auf Basis der „Erklärung“ beschließen würde, dass Otte und seine rechten Freunde in Neustadt nicht willkommen sind.

Es gibt des Weiteren Überlegungen, 2021 ein Demokratiefest auf einer breiteren Basis als dies beim Demokratiefest 2019 möglich war zu organisieren. Damit soll nicht nur auf Ottes Aktivitäten reagiert, sondern auch selbst das Thema aktiv besetzt werden.

Es bleibt wichtig, in breite Kreise und in die Medien hinein, Aufklärung über Otte und seine Kumpanen zu betreiben. Die Stiftung sollte dabei nicht aus ihrer Verantwortung entlassen werden, transparent die Öffentlichkeit über ihr Verhalten gegenüber Otte zu informieren und selbst politisch klar Stellung zu beziehen. Ihre Aufgabe ist es, Schaden vom Ansehen des Hambacher Schlosses als wichtiges Denkmal der deutschen und europäischen Demokratiegeschichte abzuwenden.

Wenn Sie noch mehr über Max Otte wissen wollen …

Max Otte ist CDU-Mitglied und vermutlich immer noch Mitglied der Werteunion (obwohl diese ihn schon einmal ausschließen wollte). Außerdem ist er bekennender Wähler der AfD bei der Bundestagswahl 2017 und Vorsitzender des Kuratoriums der Desiderius Erasmus Stiftung, der Parteistiftung der AfD. Der promovierte Ökonom und Besitzer eines Doppelpasses (USA und BRD) war Fachhochschulprofessor an der Hochschule Worms, gehört zu den Autoren, die den nächsten „Crash“ kommen sehen und damit relativ erfolgreiche Bestseller landen („Der Crash kommt“ 2006). Hauptsächlich betreibt er mehrere Firmen für die Vermögensverwaltung und Vermögensanlage solventer Kunden und legt dafür auch eigene Vermögensfonds auf.

2018 hat Otte zum ersten Mal sein sog. neues Hambacher Fest in den Räumen des Hambacher Schlosses veranstaltet. Einige hundert Teilnehmer hörten den geladenen Rednern und einer Rednerin der rechten Szene zu. Beispielhaft seien genannt: Imad Karim, Vera Lengsfeld, Thilo Sarrazin, Joachim Starbatty und Willy Wimmer. Angeblich aus Sicherheitsgründen war das Schloss an diesem Tag (5.5.2018) für die Öffentlichkeit geschlossen, was nur wenige Tage vorher auf der Website des Schlosses kurzfristig mitgeteilt wurde. Wie viele interessierte Besucher des Schlosses an diesem Tag vor verschlossenen Türen standen und sicherlich verärgert wieder abreisen mussten, wissen wir nicht.

Otte will sein Hambach-Treffen zu einem festen, jährlichen Termin in politischen Kalender seiner Anhänger machen. Das zeigt sich auch daran, dass er sich den Namen „neues Hambacher Fest“ als Marke beim Europäischen Patentamt in München hat schützen lassen. Seit 2018 versucht er mit einigen Gefolgsleuten, die Hambach Gesellschaft, ein eingetragener Verein und parteiübergreifende Studien- und Bildungsgesellschaft, durch eine gezielte Eintrittskampagne nach seinen Zwecken zu majorisieren. Allerdings bisher ohne Erfolg.