Netzwerk Hambach 2032 gegründet

Der Countdown zum 200. Jahrestag des Hambacher Festes läuft

Am 30.10.2025 fand auf dem Hambacher Schloss das Gründungstreffen des „Netzwerks Hambach 2032“ statt. Im Jahr 2032 steht der 200. Jahrestag des Hambacher Festes von 1832 an. Rund 80 Personen waren der Einladung der Stiftung Hambacher Fest gefolgt. Als prominenter Redner sprach der Staatsminister und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Wolfang Weimer, zu den Gästen. Welche Botschaft hatte Weimer nach Hambach mitgebracht und was ist von diesem Netzwerk zu halten?

Spulen wir zunächst einige Jahre zurück. 2018 hatte Max Otte sein erstes sogenanntes neues Hambacher Fest auf dem Hambacher Schloss veranstaltet. Das löste in der Region einige Empörung aus. Nicht nur wegen der von Otte eingeladenen, rechtsaußen positionierten politischen Redner (Markus Krall, Jörg Meuthen, Thilo Sarrazin u.a.), sondern auch deshalb, weil kurzfristig von der Stiftung Hambacher Schloss der Zugang zum Schloss für die Öffentlichkeit komplett gesperrt wurde.

Zug zum Hambacher Schloss 1832 (Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=460536)

Der damalige Stiftungsvorsitzende verteidigte die Überlassung an Otte und seine rechten Freunde u.a. damit, dass die Stiftung auf die Einnahmen solcher Vermietungen angewiesen sei. Armes Deutschland!

Ein gutes Jahr später, im Oktober 2019 – mittlerweile hatte Otte sein zweites neues Hambacher Fest veranstaltet – wandte sich der Freundeskreis Hambacher Fest 1832 zusammen mit dem Regionalen Bündnis gegen Rechts Neustadt und dem Vorsitzenden der Hambach Gesellschaft, Prof. Dr. Wilhelm Kreutz, an den Stiftungsvorstand. Am Beispiel von Max Otte und Markus Krall erläuterten die AutorInnen, dass sie die Charakterisierung dieser Veranstaltungen als konservativ oder rechtspopulistisch als verharmlosend ansehen. Gerade der mehrfach auf dem Hambacher Schloss aufgetretene Markus Krall propagiert einen quasi faschistischen Führerstaat, in dem es keine Parteien mehr gibt, das Wahlrecht nur für die „Leistungsträger“ gilt, das Parlament weitgehend entmachtet ist, das Sozialstaatsgebot des Grundgesetzes durch private Wohltätigkeit ersetzt wird und ein „gewählter“ König die Herrschaft übernimmt.

In diesem Schreiben von 2019 an den Stiftungsvorstand fand sich aber auch bereits eine Passage, die das Jahr 2032 in den Blick nahm. Es hieß dort:

„In ‚nur‘ zwölf Jahren jährt sich zum 200. Mal das Hambacher Fest. Die Vorbereitung dieses Jubiläums sollte auf breiter Basis bald angegangen werden.“

Nein, es soll hier nicht beklagt werden, dass es bis zum Jubiläum „nur“ noch sieben Jahre sind. Gut Ding will Weil haben. Außerdem hat der derzeitige Stiftungsvorstand die eine oder andere Maßnahme zur Vorbereitung von 2032 schon länger in die Wege geleitet, z.B. das alle zwei Jahre in Kooperation mit der Stadt Neustadt stadtfindende Demokratiefest, das auch 2026 wieder ansteht. Und mit der Gründung des „Netzwerks Hambach 2032“ soll offensichtlich, das was damals „auf breiter Basis“ eingefordert wurde, umgesetzt werden. Das ist auf jeden Fall zu begrüßen.

Etwa 70 bis 80 Personen waren der Einladung der Stiftung Hambacher Schloss gefolgt. Da es keine TeilnehmerInnenliste gab, was man sich für die Vernetzung gewünscht hätte, ist die Zusammensetzung dieses Kreises schwer einzuschätzen. Der Eindruck war, dass kulturelle Institutionen (Museen, Theater), Institutionen der Bildung, viele historische Institute und Vereine, Medien und staatliche Stellen auf kommunaler und Landesebene besonders stark vertreten waren. Jugendverbände wurden wohl nicht eingeladen, obwohl der Einbezug der Jugend gerne immer wieder gefordert wird.

Die TeilnehmerInnen der Gründungsversammlung des Netzwerks Hambach 2032 am 30.10.2025 auf dem Hambacher Schloss (foto: Innenministerium RLP / Daniel Löwedey)

Wenn auch Simone Schneider, die Vorsitzende des Stiftungsvorstandes und Innenstaatssekretärin, die „Vereinnahmungsversuche“ des Hambacher Schlosses von „rechts“ beklagte, wie später auch Staatsminister Wolfgang Weimer, so wurden diejenigen Organisationen und Bündnisse aus Neustadt, die seit Jahr und Tag vor Ort gegen diesen Missbrauch politisch angehen, anscheinend nicht eingeladen – vielleicht mit Ausnahme des Freundeskreises Hambacher Fest 1832, der allerdings auf der badischen Rheinseite situiert ist.

Prominenter Redner nach der Stiftungsvorsitzenden war Wolfgang Weimer. Weimer, parteilos, Journalist und Verleger, ist in der Schwarz-Roten-Koalition der Staatsminister und Beauftragter für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt. Er gilt als enger Freund von Bundeskanzler Friedrich Merz und bezeichnet sich selbst als liberal-konservativ.

Stiftungsvorstand Simone Schneider, Staatsminister Wolfgang Weimer, Neustadts Oberbürgermeister Marc Weigel am 30.10.2025 auf dem Hambacher Schloss (Foto: Innenministerium RLP / Daniel Löwedey)

In den letzten Wochen hat er sich mehrfach zum Hambacher Schloss geäußert. Das Hambacher Schloss sei „unser Ort der Demokratie“, der in der Mitte der Gesellschaft gehöre und von der „Mitte“ auch aktiv genutzt werden sollte. So in einem Interview auf ntv (24.9.2025). Dort wandte er sich auch gegen die AfD, die mit Fahnen auf das Schloss laufe und dieses zu „ihrem Ort“ erkläre. Wenn es auch nicht in erster Linie die AfD ist, die seit Jahr und Tag an Pfingsten und den Wochenenden dazwischen zum Hambacher Schloss marschiert, so sind es doch nach rechts offenen Gruppen, die – wie die AfD – mit ihren Geschichtsklitterungen die bundesdeutsche Demokratie in Frage stellen.

In der Bild-Zeitung vom 19.9.2025 wird Weimer wie folgt zitiert:

„Das Hambacher Schloss ist ein stolzer Ort unserer frühdemokratischen Bewegung. Das müssen wir uns als Republik zurückholen.“

Zurückholen? Haben wir es schon verloren? Das sehen die NeustadterInnen und die Freunde des Hambacher Schlosses in der Region sicher etwas anders, die sich immer wieder gegen die rechte Vereinnahmung zur Wehr setzen.

Die westlichen Demokratien stünden an einem Kipppunkt oder einem „defining moment“, sagt Weimer in einem aktuellen, zweiseitigen Interview in der Wochenzeitung Die Zeit (Nr. 48): wir haben „rechts eine Bewegung […], die gewaltig ist und an den kulturellen Grundfesten der Demokratie rüttelt. Gegen diese wende ich mich gerade als Liberalkonservativer entschieden, […].“

Das hören natürlich alle Demokraten gerne. Und wenn seine ziemlich vollmundige Prognose, dass die AfD bei der nächsten Bundestagswahl bei 9 % landen wird, in Erfüllung ginge (BILD 19.9.2025), würde Weimer in der Pfalz eine extra Weinschorle mit Saumagen spendiert bekommen.

Wie ist Weimer nun im Kreis des sich bildenden Netzwerks am 30.10. im großen Saal des Hambacher Schlosses aufgetreten?

Deutschland fehle es an Freiheitshelden und Heldengeschichten der Demokratie. Die Hambacher von 1832, etwa Johann Georg August Wirth oder Philipp Jakob Siebenpfeiffer, wären solche Helden, die in Deutschland aber weitgehend unbekannt seien. Das sollten wir ändern, meinte Weimer. Wann gebe es die erste Netflix-Serie zu Johann Georg August Wirth? Sicher eine spannend darzustellende Lebensgeschichte. Wirth, so Weimer weiter, war Journalist, wie er selbst, saß im Gefängnis, ging ins Exil, sei auch mit journalistischen Projekten gescheitert. In seiner Geburtsstadt in Hof gebe es immerhin ein Denkmal für ihn. Das wäre es aber auch schon gewesen mit der Würdigung dieses bedeutenden Freiheitshelden der deutschen Demokratiegeschichte.

Johann Georg August Wirth (1798-1848)

Doch Vorsicht, Herr Staatsminister! Gerade am Beispiel Wirths lässt sich zeigen, dass es mit den „Heldengeschichten“ nicht so einfach ist. Wirth hat manche politischen Wandlungen vollzogen. Ludwig Börne bezeichnete ihn als „Franzosenhasser“. Wirth entwickelte in den späteren 1830er und 1840er Jahren eine nationalistische und rassistische Sicht auf das „deutsche Volkstum“, das anderen Völkern überlegen sei (https://www.demokratie-geschichte.de/koepfe/3879). Man darf solche biographischen Brüche und ideologischen Abwege nicht unter den Teppich kehren, sonst werden die „Helden“ von denjenigen hofiert, gegen die die „Helden“ in Stellung gebracht werden sollen. (Siehe auch den Artikel von Volker Ulrich in Die Zeit vom 27.1.2005 „Freiheitsfreund im Widerspruch. Elisabeth Hüls zeigt, dass der „Hambacher“ Johann Georg August Wirth zum demokratischen Vorbild leider nicht taugt“, leider nur für registrierte oder zahlende LeserInnen zugänglich. Die inhaltsreiche Rezension von Elisabeth Hüls‘ Wirth-Biografie von Hans Werner Hahn ist frei zugänglich.)

Weimer fehlt das Emotionale in der Verteidigung der Demokratie. „Wir brauchen Bilder der Hoffnung und der Sehnsucht.“ In Deutschland werde die Demokratiegeschichte „emotional unterzuckert“ dargestellt, was immer Herr Weimer damit genau meinen könnte. Und natürlich wandte Weimer sich auch gegen die Vereinnahmung des Hambacher Schlosses durch extremistische Kräfte.

Nachbildung einer Kokarde zum Hambacher Fest 1832 (CC BY-SA 3.0 DE WikiMedia)

Besonderen Gefallen hatte er an der Hambach-Kokarde gefunden, die er zu seiner Begrüßung ans Revers geheftet bekam. Er wolle sie, erklärte er, demnächst auch im Deutschen Bundestag tragen. Ob das wohl die rheinland-pfälzische Bundestagspräsidenten Julia Klöckner erlauben wird? Wir sind gespannt.

In Bezug auf die 200-Jahrfeier sprach Weimer von einem „Riesending“. An das entstehende Netzwerk gewandt, forderte er zu auch ungewöhnlichen Vorschlägen auf: „Denken Sie groß! Wir vom Bund werden das unterstützen!“

Später wurde gemunkelt, dass es Gespräche zwischen den Stiftungsvorstand und Weimer darüber gegeben habe, dass der Bund formelles Mitglied – und damit auch direkter Finanzier – der Stiftung Hambacher Schloss werden könnte. Momentan ist er „nur“ finanzieller „Förderer“ der Stiftung. Die Geldmittel, die vom Bund an die Stiftung fließen sollen in jedem Fall deutlich erhöht werden. Dafür hat der Staatsminister im Haushalt 2026 – gegen den allgemeinen Spartrend –einen um 240 Mio. Euro erhöhten Etat von insgesamt 2,57 Mrd. Euro zur Verfügung.

Das klingt alles ziemlich positiv. Aber Politiker versprechen bei solchen öffentlichen Veranstaltungen gerne viel. Man wird genau hinschauen müssen, was von diesen Versprechungen umgesetzt wird.

Nach Weimers viel beklatschtem Vortrag konnten die TeilnehmerInnen sich auf thematische Gruppen aufteilen und dort im kleineren Kreis ihre Ideen und Vorschläge einbringen. Im Ergebnis waren eine Reihe von Pinnwände mit vielen Zettelchen gefüllt, die im Nachgang fotografiert an alle TeilnehmerInnen verschickt wurden. Eine inhaltliche, textliche Auswertung soll noch folgen.

Völlig offen blieb, wie das Netzwerk weiterarbeiten wird. Ungeklärt ist auch, welchen Status das Netzwerk im Verhältnis zum Stiftungsvorstand oder dem Beirat der Stiftung hat. Soll das Netzwerk z.B. aus sich heraus dezentrale Initiativen und Aktionen im Vorfeld des und für das Jubiläum 2032 kreieren, frei nach dem Motto „Lasst hundert Blumen blühen“? Oder soll es z.B. am „großen Plan“ für das Jahr 2032 in den strategischen Diskussionen mitwirken?

Mitgeteilt wurde, dass eine Stabsstelle im Innenministerium in Mainz eingerichtet wurde, die sich speziell dem Thema Hambach 2032 annehmen wird. Ob diese Stabsstelle nicht besser bei der Stiftung in Hambach vor Ort eingerichtet worden wäre? Die Politik ist launisch, mal interessiert das eine, mal das andere Thema. Der kurze Draht in die Staatskanzlei mag manchmal nützlich sein, kann aber auch gefährlich werden, wenn sich dort etwa mit der Landtagswahl die politischen Kräfte umgruppieren.

Manche mögen sich noch an die 150-Jahrfeier 1982 erinnern. Der Spiegel berichtete damals von „Vogels Fest ganz ohne Volk“. Mit „getragenen Festreden in exklusivem, provinziellem Zirkel ließ Landesherr Bernhard Vogel (CDU) jener ersten großen Massendemonstration Europas gedenken.“ Auch der SPD wäre der Zugang zum Schloss verschlossen gewesen. Sie durfte auf dem fünf Kilometer entfernten Neustädter Marktplatz mit Willy Brandt feiern. Eine eigenständige Veranstaltung organisierten auch die Grünen. Ihre Themen waren das „Waldsterben“, Giftgas im Pfälzer Wald und die Solidarität mit der polnischen Solidarnosc-Bewegung. Das gefiel wiederum der damaligen DKP nicht, die hinter der Solidarnosc nur den US-amerikanischen Klassenfeind vermutete. Ob 50 Jahre später, 2032, die demokratischen Parteien und Kräfte besser zusammenfinden?

Briefmarke der Deutschen Bundespost zum 150. Jahrestag 1982 des Hambacher Festes

Im Angesicht der autoritären Vereinnahmungsversuche und drängender gesellschaftlicher Herausforderungen wäre eine Wiederholung der Situation von 1982 nicht nur blamabel, sondern fatal. Stattdessen sollte „Hambach 2032“ als Gelegenheit für eine Stärkung der Zivilgesellschaft sowie für einen kreativen gesellschaftlichen Aufbruch bewusst auf breiter demokratischer Basis gestaltet werden. Das Netzwerk Hambach 2032 könnte einen Beitrag dazu leisten. Aber alle Erfahrungen mit Bürgerbeteiligungen und Partizipationsverfahren zeigen, dass die Ziele, die „Governance“, die Rechte und die Ressourcen solcher „Netzwerke“ transparent beschrieben und kommuniziert werden müssen. Sonst ist die Gefahr des Scheiterns groß. Das sollte sich niemand wünschen.

Ulrich Riehm, Freundeskreis Hambacher Fest 1832

Für hilfreiche Rückmeldungen zu einer ersten Fassung dieses Beitrags danke ich A.G und G.R. Danke auch an M.B. für den Hinweis auf Volker Ulrichs Artikel in Die Zeit vom 27.1.2005 zu J. G. A. Wirth, der nachträglich eingefügt wurde.

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