Hambach und seine politischen Falschmünzer*

Von Prof. Dr. Wilhelm Kreutz, Vorsitzender der Hambach Gesellschaft

Im Rahmen des „Solidarischen Frühlings – Neustadt ‘25“ veranstaltete die Engagierte Jugend Neustadt zusammen mit dem Freundeskreis Hambacher Fest 1832 am 31.5.2025 eine Veranstaltung im Jugendzentrum Neustadt unter dem Titel „Hambach und seien politischen Falschmünzer“. Prof. Dr. Wilhelm Kreutz erläuterte in seinem Vortrag die Bezugnahme auf das Hambacher Fest von 1832 durch insbesondere nationalistische und rechtsextreme Bewegungen und Parteien in den nun fast 200 zurückliegenden Jahren bei Feiern und Jubiläen. Im Folgenden dokumentieren wir den für den Hambach-Blog überarbeiteten Vortrag von Wilhelm Kreutz.

Die Falschmünzer der Vergangenheit bis zum Ende des 20. Jahrhunderts

Ruine des Hambacher Schlosses 1842
(Pfälz. Museum – Pfälz. Heimatkunde 1932, 3/6 (Original wahrscheinlich Landesarchiv Speyer oder Bayerisches Staatsarchiv München))

Wer das Nachleben des Hambacher Fests analysiert, wird unschwer feststellen, dass bis zur Weimarer Republik die Ideen und Ziele der Hambacher schnell in Vergessenheit gerieten. Zwar kam es am ersten Jahrestag des Fests im Mai 1834 auf dem Schlossberg zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten sowie der Polizei und Soldaten der bayerischen Armee – bei denen ein Todesopfer zu beklagen war. Aber in den folgenden Jahren wurden alle Solidaritätsbekundungen gewaltsam unterdrückt und kamen, nachdem die Pfälzer das Schloss 1842 dem bayerischen Thronfolger Maximilian zur Hochzeit geschenkt hatten, ohnehin zum Erliegen. Der Ausbau, der bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg nun Maxburg genannten Ruine, wurde allerdings eingestellt, da das bayerische Königshaus den Bau der Villa Ludwigshöhe in Edenkoben bevorzugte. Die einzige demokratische Erinnerungsfeier des 19. Jahrhunderts fand im Mai 1848 – nach der erfolgreichen Märzrevolution – bezeichnenderweise auf einer anderen Neustadter Burg, der Wolfsburg, statt. Dort hisste man die Traditionsfahne und die Redner, darunter einige „Hambacher“ von 1832, forderten die Reichseinigung mit einer freiheitlich demokratischen, ja republikanischen Verfassung.

Zu einer neuen Gedenkveranstaltung kam es erst 1871 – jedoch mit einer neuen Akzentsetzung. Die deutschnationalen Bismarckverehrer feierten am Fuße der Ruine die Hambacher Vorkämpfer der Reichseinheit, die sie mit Blut und Eisen verwirklicht sahen. Von Freiheit oder gar europäischer Solidarität war – nach dem Sieg über den vermeintlichen französischen Erbfeind – keine Rede mehr.

Noch bemerkenswerter aber war, das heute völlig vergessene „wahrhaft Neue Hambacher Fest“, das der Pfälzerwald-Verein 1914 veranstaltete: Um sich von der „üblen Revoluzzerei, der Aufsässigkeit gegen die Oberen und der aufrührerischen Tatenlust“ von 1832 zu distanzieren, verlegten die damals Verantwortlichen das „Maifest“ kurzerhand vom 27. Mai auf den 25./26. April und verbanden es mit dem am 23. April begangenen Fest des „Heiligen Georg“, dem traditionellem „Jörgenfest“ des Ortsheiligen von Hambach. Ihm zu Ehren marschierten Trachtenvereine, Winzer und Soldaten den Schlossberg nicht hinauf, sondern – geschmückt mit schwarz-weiß-roten Fahnen, den Farben der Reichskriegsflagge des Kaiserreichs – hinunter. Trotz der voran getragenen schwarz-rot-goldenen Traditionsfahne waren damit „falsche“ politische Assoziationen vermieden. Aber der Erste Weltkrieg verhinderte, dass dieses „wahrhaft Neue Hambacher Fest“ eine eigene Tradition begründen konnte, zumal mit der Niederlage von 1918 und der Etablierung der Weimarer Republik die Falschmünzerei von 1914 überholt war.

Plakat zum 100. Jubiläum des Hambacher Festes 1932

Jetzt begann man sich des Hambacher Fests positiv zu erinnern, zumal Reichspräsident Friedrich Ebert die schwarz-rot-goldene Fahne zur deutschen Nationalflagge bestimmte, was bis zum Ende der Republik zu einem erbitterten Fahnenstreit führte, da viele Gemeinden noch immer die schwarz-weiß-rote Fahne hissten. Die letzte Gedenkfeier fand 1932 statt, auf welcher der erste Bundespräsident der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland, der damalige Reichstagsabgeordnete der Deutschen Staatspartei Theodor Heuß, die Festrede hielt. Der als Festredner vorgesehene Münchner Historiker, Republikgegner und Mitglied der NSDAP, Karl Alexander von Müller, hatte kurzfristig abgesagt und Heuß war an seine Stelle getreten. Die Feier fand aber bereits unter den feindlichen Blicken der SA statt, die ein Jahr später die von ihnen als schwarz-rot-senf geschmähte Fahne durch den Schmutz zogen.

Die offizielle Politik der Bundesrepublik nahm nach dem Zweiten Weltkrieg nur höchst gelegentlich auf das Hambacher Fest positiv Bezug. Zwar schmückten die Rheinland-Pfälzer ihren Landtag mit einer Traditionsfahne von 1832, aber die Konrad Adenauer überreichte weitere Hambacher Fahne lag jahrelang in der Asservatenkammer und wurde schließlich wieder zurückgegeben.

Demgegenüber rückte das – jetzt wieder so genannte – Hambacher Schloss seit den frühen 1970er Jahren in den Blickpunkt der Neuen Rechten. Die gerade von der Studentenbewegung ab 1968 und der sozialliberalen Koalition, vor allem der Ostpolitik Willy Brandts, herausgeforderten Ultrakonservativen und Rechten inklusive der Vertriebenenverbände versuchten, die deutsche Öffentlichkeit zu mobilisieren. Neben Zeitschriften wie „Criticon“ oder dem „Deutschland-Magazin“ war es vor allem die von dem überzeugten Nationalsozialisten und Antisemiten Kurt Ziesel geführte Deutschland-Stiftung, die versuchte, ihre rechten Positionen mit dem nationalkonservativen Rand der Unionsparteien zu verbinden. Dies symbolisierte der von ihr von 1967 bis 2001 vergebene Konrad-Adenauer-Preis. Erster Preisträger war 1967 Armin Mohler, die Ikone der Neuen Rechten, der durch sein Hauptwerk „Die konservative Revolution“ reüssierte, in dem er alle nicht-nationalsozialistischen Antidemokraten und Feinde der Weimarer Republik zusammenfasste. Deren in den zwanziger Jahren entwickelten Ideen sind bis heute eine der grundlegenden Quellen geblieben, aus der viele Rechtspopulisten und Neue Rechte schöpfen. Mohler war zeitweise Sekretär von Ernst Jünger, der durch seinen Roman „In Stahlgewittern“ bekannt wurde, und nicht zuletzt von Franz-Joseph Strauß.

Dokumentation zur Verleihung des „Adenauer Preises“ 1970

1970 wurde der Preis erstmals auf dem Hambacher Schloss vergeben, und zwar an den theoretischen Physiker Ernst Pascual Jordan, den Schriftsteller und Laienprediger Manfred Hausmann sowie an den Publizisten William S. Schlamm, alle drei bekannt für ihr sehr ambivalentes Verhältnis zum Dritten Reich. Gegen die Preisverleihung regte sich breiter Widerstand. Die Neustadter „Bürgerinitiative gegen Neofaschismus“ veröffentlichte eine „Dokumentation zur Verleihung der ‚Adenauer Preise‘ am 23. Mai 1970 in Neustadt auf dem ‚Hambacher Schloss‘“ mit einer „Analyse und Betrachtung einer alarmierenden Entwicklung“. Am Tag der Verleihung demonstrierten mehr als 500 Menschen auf dem Schlossberg.

Demgegenüber konnten die Rechtspopulisten im Umfeld der 150-Jahr-Feierlichkeiten nicht ungestört dominieren. Beim ersten Hambacher Disput von 1982, unter Leitung des ZDF-Journalisten Guido Knopp, diskutierten der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Bernhard Vogel, der Schriftsteller, Publizist und Redenschreiber Willy Brandts, Klaus Harpprecht, der französische Politologe und langjährige Leiter des Institut Français in Heidelberg, Henri Ménudier, sowie der Historiker Hans Mommsen – des Weitern der Erlanger Historiker Hellmut Diwald, ein Vordenker der Neuen Rechten, sowie der Publizist Wolfgang Venohr, ein später Nachkomme der „Querfront“-Propaganda der 1920er Jahre.

Zu erinnern ist noch an den Parteitag der Republikaner, die sich 1988 – ähnlich wie später die rheinland-pfälzische AfD – auf dem Schloss versammelten. Und damit endet meine Tour d’horizon der Falschmünzer des Hambacher Fests der Vergangenheit.

Die Falschmünzer des 21. Jahrhunderts

Im Gegensatz zu den Rechtspopulisten und Rechtsextremen des 20. Jahrhunderts, die ihre politische Gesinnung, ihr Dagegensein, immer wieder durch deutschnationale Farben und Embleme zum Ausdruck brachten, okkupieren die neuen Rechtspopulisten unserer Tage die demokratischen Farben und Symbole: Nicht mehr das Schwarz-Weiß-Rot der Reichskriegsflagge oder verbotene Nazisymbole werden von ihnen zur Schau getragen, sondern das Schwarz-Rot-Gold, die Farben des Hambacher Fests und der deutschen Republiken. Ebenso auffällig ist, dass die AfD-nahen Kulturstiftungen und -organisationen gerne die Namen aufklärerischer, humanistischer Gelehrter oder eindeutig demokratisch legitimierter Vorkämpfer tragen.

Dazu zählt die Desiderius-Erasmus-Stiftung, die Parteistiftung der AfD, eine Morgengabe der ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten und Präsidentin des „Bunds der Vertriebenen“, Erika Steinbach. Der Versuch, die AfD-Stiftung nach Gustav Stresemann, Kanzler und Außenminister der Weimarer Republik, zu benennen, wurde von den Erben Stresemanns untersagt. Die AfD-nahen Landesstiftungen, die „Erasmus-Stiftung Brandenburg“ oder die in Thüringen aktive „Akademische Erasmus-Stiftung“ missbrauchen ebenfalls den Namen des bedeutenden Humanisten.

Die nordrhein-westfälische AfD hat ihre Stiftung nach Immanuel Kant benannt und die baden-württembergische ihre nach Gustav Struve, dem Revolutionär von 1848/49 und Mitstreiter Friedrich Heckers.

Bundesweit aktiv ist der „Johann-Gottfried-Herder-Verein für Demokratie“, benannt nach dem Weimarer Pfarrer und deutschen Schriftsteller der Klassik, dessen stellvertretender Vorsitzender (laut Vereinsregister Bonn) der „Vordenker“ der AfD, Marc Jongen, ist. Die AfD Sachsen-Anhalts hat ihre parteinahe Landesstiftung nach Friedrich Friesen benannt, dem 1814 im Kampf gegen Napoleon gefallenen Pädagogen, Turner und einflussreichen Burschenschafter, und damit ein Vorbild gewählt, das den eigenen politischen Zielen nähersteht als Erasmus, Kant oder Herder.

Vorsitzender der „Friedrich-Schüler-Stiftung Rheinland-Pfalz e.V.“ in Offenbach an der Queich ist der AfD-Politiker Andreas Wondra. Zum Namenspatron der Stiftung wurde der 1791 in Bergzabern geborenen Friedrich Schüler auserkoren, dem ‚Helden‘ der pfälzischen Opposition von 1832 und 1848/49. Er floh nach dem Hambacher Fest und nach der gescheiterten Reichsverfassungskampagne nach Frankreich, wo er insgesamt 38 Jahre im Exil lebte, bevor er nach dem deutsch-französischen Krieg 1871 dort zwangsweise wieder zum deutschen Untertanen wurde.

Nicht vergessen werden darf, dass die AfD-Fraktion im Bundestag ihren Sitzungssaal „Saal Paulskirche“ – nach dem Sitz der ersten deutschen Nationalversammlung von 1848 – genannt hat.

Dies alles sind Versuche, den eigenen Organisationen ein unverdächtiges, allgemein anerkanntes, politisch positiv besetztes Mäntelchen umzuhängen. Dass die Ideen und Werte, die jede dieser Personen repräsentiert, verfälscht, ja geradezu in ihr Gegenteil verkehrt werden, muss nicht eigens erwähnt werden – ist jedoch für viele, vor allem in der Geistes- oder Politikgeschichte nicht Bewanderte nur schwer zu durchschauen.

Theodor W. Adorno, der Philosoph der Kritischen Theorie, hat vor vielen Jahren formuliert, dass das „Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie potentiell bedrohlicher“ sei, „denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie“. Und der Vergleich des Misserfolgs früherer rechtsradikaler Partei wie der NPD oder der Republikaner mit dem aktuellen Erfolg der AfD scheint dies zu bestätigen.

Vom „Neuen Hambacher Fest“ des Max Otte 2018 bis zu Freieinig 2025

Das „Neue Hambacher Fest“, das Max Otte 2018 aus der Taufe hob, und sein in der Folgegescheiterter Versuch, der „Hambach Gesellschaft“ beizutreten, rückten ihn in den Fokus der deutschen Öffentlichkeit. Otte, seit 2018 entpflichteter Professor für „Allgemeine und Internationale Betriebswirtschaftslehre“ der Fachhochschule Worms, ist seit 2005 als Fondsmanager tätig. Daneben war er von 2018 bis Januar 2021 Vorsitzender des Kuratoriums der Desiderius Erasmus-Stiftung der AfD, schied jedoch im Januar 2021 im Streit aus. Im selben Jahr übernahm er den Vorsitz der ultrakonservativen „WerteUnion“, trat jedoch im Januar 2022 zurück und verließ sie. Ebenfalls im Januar 2022 nominierte ihn die AfD zu ihrem Kandidaten für die Wahl des Bundespräsidenten – Otte war immer noch Mitglied der CDU. Diese Nominierung und das Bekanntwerden seiner namhaften Spenden an die AfD führten schließlich im August 2022 zu seinem Ausschluss aus der CDU. 2021 unterstützte er die Hannah-Arendt-Akademie, eine Pseudo-Universität für Verschwörungsgläubige, für die wieder ein prominenter Name missbraucht wurde. Mit dem völkisch-rechtsextremen Zahnarzt Gernot Mörig, der 2023 das Geheimtreffen der Remigrations-Befürworter in Potsdam organisierte, verbindet Otte eine langjährige Freundschaft.

Wenig bekannt ist zudem, dass Otte 2017 zusammen mit anderen Professoren die „Oswald Spengler Society for the Study of Humanity and World History“ gründete. Als deren Schatzmeister lobte er den mit zehntausend Euro dotierten Oswald-Spengler-Preis aus. Erster Preisträger war 2018 der französische Erfolgsautor Michel Houellebecq, 2022 folgte ihm der kanadische Psychologe Jordan B. Peterson, der als entschiedener Kritiker von „Political Correctness“ und moderner Genderpolitik weltweite Aufmerksamkeit erregte. Noch weniger bekannt ist, dass Otte bereits am 6. Mai 2011 anlässlich des 75. Todestags von Oswald Spengler diesem einen Artikel in der „Jungen Freiheit“ widmete und einen Tag später auf Einladung des rechtsextremen „Instituts für Staatspolitik“, der 2024 aufgelösten Denkfabrik und Kaderschmiede der Neuen Rechten, zusammen mit dem Historiker Karlheinz Weißmann, dem Publizisten Erik Lehnert sowie rund dreißig weiteren Teilnehmern des neurechten Spektrums an einer heimlichen Gedenkfeier auf dem Münchner Nordfriedhof teilnahm. Karlheinz Weißmann, der 2024 bei der bereits oben erwähnten Friedrich-Schüler-Stiftung einen Vortrag hielt, Erik Lehnert und Götz Kubitschek gehören zu den führenden Köpfen der aktuellen antidemokratischen rechten Szene.

Doch wie passen die Anstrengungen des „Neu-Hambachers“ Otte, an die antimonarchischen, gesellschaftskritischen Klagen von 1832 anzuknüpfen und sein Engagement für den Antidemokraten und Republikfeind Spengler zusammen?

Max Otte 2019 vor dem Saalbau in Neustadt (Foto privat)

Otte setzte nach 2018 das „Neue Hambacher Fest“ 2019 und 2020 fort. Dazu hatte er sogar den Namen beim „Deutschen Patent- und Markenamt“ in München eintragen und schützen lassen. Auf Antrag der Stiftung Hambacher Schloss wurde die Wortmarke „Neues Hambacher Fest“ allerdings 2021 für nichtig erklärt und gelöscht. Der Ablauf des ersten Fests vom 5. Mai 2018 kopierte die Dramaturgie des Maifests von 1832. Dem Marsch auf das Schloss voraus ging die programmatische „Hambacher Erklärung 2018“, an den Marsch, dem mehrere Hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten, schlossen sich acht Reden im Festsaal des Schlosses an. Ein Jahr später wiederholten am 7. Juni 2019 gut dreihundert selbsternannte „Patrioten“ den Marsch auf das Schloss, beendeten den Tag indes in einem nahe gelegenen Weingut. Am folgenden Tag lud der Veranstalter in den gut besuchten Neustadter Saalbau zu einem „Kongress für Frieden und Sicherheit in Europa“ mit sieben Rednern ein. 2020 kamen, bedingt durch die Pandemie, aber auch durch einen Teilnahmepreis von 195 Euro, nur siebzig Personen hinauf aufs Schloss, um an einem Festbankett und der Verleihung des von Otte gestifteten „Preises für Zivilcourage und Bürgersinn“ an die vormalige Bürgerrechtlerin der DDR, Vera Lengsfeld, teilzunehmen. Doch trotz Unterschieden im Ablauf der Veranstaltungen änderten sich die politisch-programmatischen Ziele nicht, welche Ottes „Präambel“ der „Hambacher Erklärung“ von 2018 vorgab:

Wir die Organisatoren und Teilnehmer und Unterstützer des Neuen Hambacher Fests, stellen fest, dass Meinungsfreiheit, Rechts- und Sozialstaat in Deutschland in vielerlei Hinsicht beschädigt sind. Wir stellen mit Erschrecken fest, dass Zensur und zensurähnliche Praktiken wieder Einzug halten, dass die Diffamierung politisch Andersdenkender wieder an der Tagesordnung ist, dass die Mittelschicht durch eine verfehlte Sozial- und Wirtschaftspolitik ökonomisch bedroht ist, dass Europa in einen neuen Kalten Krieg getrieben wird und dass eine verfehlte Einwanderungspolitik die Basis unserer solidarischen und bürgernahen Gesellschaft bedroht. Wir beklagen einen völligen Verfall inhaltlicher Substanz und moralischer Prinzipien in der Spitzenpolitik. Kanzlerin Angela Merkel, die diese Zustände zu verantworten hat, bleibt aufgrund einer weitgehend gleichgeschalteten CDU an der Macht […]“.

Max Ottes Hambacher Erklärung von 2018

Damit waren die Klagen formuliert, die den Rahmen aller Veranstaltungen der folgenden Jahre absteckten. Die Darmstädter Hochschullehrerin Prof. Dr. Charlotte Dany führt in ihrem Artikel „Bürgerliche Antidemokraten“ dazu aus:

„Otte nutzt die Referenz auf Hambach 1832 zum einen, um seine Ziele zu erläutern und ihnen Legitimität zu verschaffen: Damals wie heute gehe es um ‚nationale Einheit, Freiheit und Volkssouveränität‘. Dafür bezeichnet er das Hambacher Fest von 1832 als eine ‚zutiefst patriotische Veranstaltung‘, ein ‚Nationalfest der Deutschen‘ – und als solches möchte er auch das ‚Neue Hambacher Fest“ verstanden wissen. Zum anderen nutzt er die direkten Vergleiche mit Hambach 1832, um Kritik an der gegenwärtigen Demokratie zu äußern. So herrschten damals wie heute ‚dunkle Zeiten‘, in denen ‚der Rechtsstaat und die sozialen, wissenschaftlichen und kulturellen Errungenschaften bedroht‘ seien und die Obrigkeit die ‚Presse, die Meinungsfreiheit knebeln‘ würde. Wer sich ‚dem Konformitätsdruck‘ widersetze, werde ‚schikaniert, geächtet, in seiner beruflichen Existenz vernichtet oder […] – im schlimmsten Falle – sein Leben verlieren“, so Otte 2019.“

Charlotte Dany: Bürgerliche Antidemokraten. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 8/2021, S. 97-104

Otte geht es nicht um europäische Solidarität und internationalen Ausgleich der Interessen. Vollmundig verkündete Otte: „Ich stelle fest: wir sind Hambach“. Die Anwesenheit von Polen und Franzosen sei bloßes Beiwerk gewesen. Zum anderen dient der Vergleich der heutigen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse mit den Zuständen von 1832 dazu, der aktuellen Kritik Nachdruck zu verleihen. Viele beugten den Nacken vor Diffamierung, Ausgrenzung und ökonomischen Nachteilen. Es gebe starke Kräfte, die von der Polarisierung in Deutschland und dem neuen Kalten Krieg in Europa profitierten.

Um dem Vorwurf zu entgehen, die Veranstaltung folge nur einer politischen Richtung, waren 2018 – vermeintliche Überparteilichkeit demonstrierend – Redner unterschiedlicher Parteien eingeladen: von der SPD der inzwischen aus der Partei ausgeschlossene Thilo Sarrazin, dessen Buch „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ zum Bestseller avanciert war; von der AfD Jörg Meuthen, von 2015 bis zu seinem Austritt 2022 einer der beiden Bundessprecher der Partei; von der CDU der langjährige Abgeordnete Willy Wimmer, der inzwischen jedoch allein durch seine Sympathien für Putins Russland und die AfD auffiel; Parteilose wie der Ökonom Prof. Dr. Joachim Starbatty, der nach seinem Austritt aus der CDU (1994) sich zahlreichen rechtskonservativen Parteien anschloss, die er indes nach kurzer Zeit wieder verließ; der deutsch-libanesische Journalist, Islam-Kritiker Imad Karim; der Wirtschaftswissenschaftler, Unternehmensberater und ehemalige Sprecher der „Degussa Goldhandel GmbH“, Markus Krall, der u.a. „Die bürgerliche Revolution. Wie wir unsere Freiheit und unsere Werte erhalten“ (2020) und „Freiheit oder Untergang. Warum Deutschland jetzt vor der Entscheidung steht“ (2021) publizierte; die DDR-Dissidentin, Ex-Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen und CDU, Vera Lengsfeld, die sich seit Jahren immer stärker dem Rechtskonservativismus zuneigt.

2019 sprachen neben Imad Karim, Markus Krall und Willy Wimmer sowohl Bruno Bandulet, Journalist, Verleger, Autor der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ sowie des, verschwörungstheoretischen und rechtspopulistischen Kopp-Verlags, als auch Rainer Rothfuß, vormaliger Tübinger Professor für Politische Geographie, Mitglied der AfD sowie Dr. Daniele Ganser, der Schweizer Historiker, Publizist und Verschwörungstheoretiker.

Die Veranstaltung von 2020 stand ganz im Zeichen der Verleihung des Preises für „Bürgersinn und Zivilcourage“ an Vera Lengsfeld, die im Jahr zuvor bereits den „Gerhard-Löwenthal-Ehrenpreis für besondere publizistische Verdienste“ erhalten hatte, den die rechtspopulistische Wochenzeitung „Junge Freiheit“ und die „Förderstiftung konservative Bildung und Forschung“ seit 2004 in Erinnerung an den Journalisten des ZDF vergibt. Die von ihr initiierte „Gemeinsame Erklärung“ von 2018 steckte ebenso wie Ottes „Präambel“ der „Hambacher Erklärung“ – den Rahmen der Vorträge ab:

Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird. Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, dass die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird“.

Gemeinsame Erklärung 2018, u.a. initiiert von Vera Lengsfeld

Folgerichtig rückten die Masseneinwanderung aus dem islamischen Kulturkreis und die durch sie vermeintlich heraufbeschworene Gefahr der kulturellen Überfremdung, ja des Bevölkerungsaustauschs ins Zentrum der Reden. Die Massenimmigration sei kein blindes Schicksal, sondern von vielen ausdrücklich so gewollt. Deshalb müsse man dem politischen und gesellschaftlichen Establishment sowie dem „linken Medien-Mainstream“ entgegentreten und ihm bedeuten, dass seine Zeit vorbei sei. Deutschland gehöre zur christlich-abendländische Kultur, die das Zusammenleben präge, ganz gleich, ob man religiös lebe, denke und fühle, oder nicht. Der dem deutschen Volk verordnete Multikulturalismus sei der ideologische Grundirrtum des 21. Jahrhunderts. Zudem drohe die Bundesrepublik zum „Glaubens- und Umerziehungsstaat“ zu mutieren, in dem politisches Handeln nur noch aus moralischer Perspektive beurteilt werde. Politik und Gesellschaft fielen einer im Kern apolitischen, ja antipolitischen Politik zum Opfer. All dies gehe Hand in Hand mit der Erosion des Rechtsstaats, vor allem durch die wachsende Beschränkung der Meinungsfreiheit und die Zensur der Mainstream-Medien.

Der rechtsradikale Krall betonte, dass die „Freiheit von den Wegbereitern des totalitären Überwachungsstaates unterhöhlt“ werde, „die uns einreden wollen, daß die Demokratie die Abschaffung der Privatsphäre überleben könnte“. Rede-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit würden Zug um Zug eingeschränkt, so Lengsfeld, die der Bundesrepublik bescheinigte, einem ähnlichen Untergang entgegenzugehen wie die DDR. Markus Krall rief 2018 zum Widerstand gegen die „neofeudalistischen Sozialisten“ auf. Das deutsche Bürgertum müsse endlich lernen, „wie Revolution geht“. In Anlehnung an Edgar Julius Jungs polemische Kampfschrift gegen die Weimarer Republik von 1927 „Die Herrschaft der Minderwertigen“ bescheinigte Krall den aktuellen Politikern Mittelmäßigkeit, ja, Unfähigkeit und entlarvte sein Demokratieverständnis mit Thomas Jeffersons Diktum aus dem Jahr 1787, dass „der Baum der Freiheit von Zeit zu Zeit mit dem Blut von Patrioten und der Tyrannen begossen werden [muss]. Dies ist der Freiheit natürlicher Dünger“. Und er fügte hinzu, dass „wir“ entweder in diesem Sinne die Freiheit verteidigen müssten oder Jefferson sollte recht behalten, d.h. der Baum der Freiheit müsse verdorren. Dass diesem Aufruf zum gewaltsamen Umsturz sowohl während des Kongresses als auch danach weder Otte noch Personen seines Umfelds entgegentraten, unterstreicht, wie weit sich Teile der Rechtskonservativen der antidemokratischen Ideologie der „Konservativen Revolution“ angenähert haben.

2022 und 2023 organisierte der Neustadter Chemiker und Besitzer einer stillgelegten Papierfabrik, Dr. Wolfgang Kochanek, der bundesweit als Redner der Querdenker und Verschwörungstheoretiker auftrat, das „Neue Hambacher Fest“ als „Fest der Weißen“, für die er bei den Kommunalwahlen in Neustadt und bei der Bundestagswahl kandidieren wollte. Aber in diesen Fällen blieb es ebenso bei lauthals vorgetragenen Ankündigungen wie bei den herbeiphantasierten Teilnehmerzahlen seiner Protestmärsche zum Schloss. In seinen Reden kehrten fast alle bereits genannten Punkte wieder. Wie seine Mitstreiter, Max Otte und Markus Krahl, beschwor Kochanek die große ökonomische und gesellschaftliche Krise. Der in vielen Jahrzehnten aufgebaute Wohlstand Deutschlands und seiner Bürger werde von den politischen Eliten verschleudert. Viele klein- und mittelständischen Betriebe gingen innerhalb kürzester Zeit in die Insolvenz. Sparguthaben, Lebensversicherungen und Renten lösten sich in Luft auf. Im Juli 2022 kündigte er an, dass sein Unternehmer-Netzwerk „Unternehmer stehen auf“ eine Freiheitsbewegung mit erheblichen finanziellen Mitteln unterstützen werde. Er gab an, mit dem Düsseldorfer Kreis um Gernot Mörig, dem Initiator des extrem rechten geheimen „Remigrationstreffens“ in Potsdam 2023, in Kontakt zu stehen. Doch den vollmundigen Ankündigungen sind keine Taten gefolgt. Neue Argumente sucht man vergebens: Neben der Klage über die Zensur oder die Begrenzung der Meinungsfreiheit, den Klagen über die gleichgeschalteten Medien und die bezahlten Schreiberlinge sowie den Klagen über die aktuelle deutsche Diktatur sind es die Warnungen, dass die große Änderung kurz bevorstehe und man dann die ganzen „Parteisoldaten und das ganze Zeug, das man nicht braucht, um eine Gesellschaft am Leben zu erhalten“, die „Systemlinge“, die „staatsgeilen Versager“ oder „politischen Clowns“ entsorgen werde. Donald Trump, Elon Musk und Javier Mileis Kettensäge lassen grüßen. 2023 musste Kochanek zur Verleihung seines „Demokratiepreises“ auf Anraten seines Anwalts sich vor Gericht mit der Neustadter Verwaltung einigen. Aufs Schlossgelände durften danach nur 1.500 Personen. Damit erboste er auch einen Teil seiner Kombattanten, die jede Absprache mit der Stadt Neustadt ablehnten. Zudem waren der Preisträger, der Querdenker Michael Ballweg, und der Spender der 10.000 €, der schon öfter genannte Markus Krall, in der Szene umstritten. Kochanek trat wie zuvor Otte aus der vorderen Linie der Hambach-Demonstranten zurück.

Blick vom Schlossberg auf die versammelten Weißen bei der „Preisverleihung“ auf dem Schlossgelände (Foto: privat)

Ihr Erbe hat 2024 und 2025 der „Hambacher Bund Freieinig“ angetreten, der sich ab Juni 2023 als Antwort auf die behördlichen Schikanen organisierte und alle 14 Tage sonntags auf das Schloss marschierte. Im Laufe des Jahres schlossen sich Initiativen aus der Region und ganz Deutschland an und beteiligten sich an den trommelbegleiteten Märschen, die zwischen Pfingsten 2023 und Pfingsten 2024 auf dem Schloss stattfanden. Obwohl verbindlicher im Ton unterscheiden sich die politischen Ansichten der freieinigen Mitglieder nicht von denen ihrer Vorläufer. Auch hier stehen die Bedrohung der Meinungsfreiheit, die Bedrohungen durch die EU und die WHO, die uns zu vergiften drohen, die Klagen über die bundesdeutsche Diktatur im Mittelpunkt.

Kundgebung von Freieinig am Pfingstsonntag 2025 auf dem Marktplatz in Neustadt. Deutsche Fahne mit umgekehrter Farbreihenfolge (Foto: Dokunetzwerk Rhein-Main)

Es blieb Max Otte vorbehalten, ein „Neues Hambacher Fest“ zu initiieren. Doch die von ihm und seinen Nachfolgern propagierte Vergleichbarkeit der Verhältnisse oder gar Parallelität der Verhältnisse von 1832 und heute bleiben völlig oberflächlich. Weder sind sie alle in ihrer bürgerlichen Existenz so bedroht wie die damaligen Hambacher. Ihnen drohen weder Gefängnis noch Exil. Und sie können eine Vielzahl unterschiedlichster Medien – allen voran die a-sozialen Netzwerke – nutzen, um ihre Meinung kundzutun. Sie benutzen das Hambacher Fest und die demokratischen oder geistesgeschichtlichen Größen, um öffentliche Sympathien zu gewinnen und ihre Ziele zu verschleiern. Aber ihre Bekenntnisse zum „deutschen Nationalfest“ von 1832 können nicht über die wahren Absichten und Ziele der Falschmünzer des „Hambacher Fests“ hinwegtäuschen.

Prof. Dr. Wilhelm Kreutz

Prof. Dr. Wilhelm Kreutz ist Historiker an der Universität Mannheim und Vorsitzender der Hambach Gesellschaft für historische Forschung und politische Bildung e.V.

*Ein Teil der Ausführungen stammt – ohne Zitatnachweis – zum einen aus meinen Veröffentlichungen: Das Hambacher Fest im Fokus von Rechtspopulisten und Antidemokraten. In: Jahrbuch der Hambach-Gesellschaft 29 (2022), S. 165-180; Das Hambacher Fest. Ein spät ‚entdeckter‘ Erinnerungsort der deutschen Demokratiegeschichte. In: Ulrich Nieß, Christian Groh und Andreas Mix (Hg.): Stadt und Erinnerungskultur. Tagungsband der 58. Jahrestagung des Südwestdeutschen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung (= Stadt in der Geschichte, Band 45), Göttingen 2023, S. 41-68. Zum anderen wurden – ebenfalls ohne Zitatnachweis oder Übernahmebeleg – Passagen aus den folgenden Publikationen übernommen: Bernhard Dietz: Kampf um den Erinnerungsort. Die Neue Rechte und das Hambacher Fest (Teil 1). In: Jahrbuch der Hambach-Gesellschaft 30 (2023), S. 155–171 sowie Kristian Buchna: Das Hambacher Schloss – ein umkämpfter Ort der Demokratiegeschichte,  Rede vom 5.4.2025 (vgl. http://www.neustadt.eu/?object=tx.2636.68006.1).

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